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giselle iconNach jahrelanger Abwesenheit ist „Giselle“ wieder an der Wiener Staatsoper zu sehen. Die Inszenierung von Elena Tschernischowa aus dem Jahr 1993 orientierte sich zwar grosso modo an den historischen Vorlagen von Coralli, Perrot und Petipa, in der Ausstattung aber ging die damalige Ballettchefin eigene Wege. So verzichtete sie im ersten Akt auf folkloristische Buntheit zugunsten einer schwarz-weiß-Ästhetik.

Nach den anfänglichen Irritationen über die düstere Ausstattung, hatte sich das Wiener Publikum daran gewöhnt, wohl auch wegen der unvergleichlichen Rollengestaltung des Albrecht durch Vladimir Malakhov, damals noch fixes Mitglied des Ensembles und später viele Male in dieser Rolle als Gast im Haus am Ring. Bei der nunmehrigen Wiederaufnahme allerdings schien die graue Grundstimmung das nahende Unheil quasi vorweg zu nehmen. Die Stimmung eines Erntedankfestes im ersten Akt wollte nicht aufkommen. Nina Poláková und Denys Cherevychko debütierten als Giselle und Albrecht, haben aber, ungeachtet ihrer technischen Makellosigkeit, den Charakter ihrer Rollen noch nicht gefunden. Da vermisste man die Ausgelassenheit und Zuneigung einer romantischen Tändelei. Abgesehen von den durchwegs engagierten Auftritten des Ensembles brachten vor allem die unbestechlich sauber und animiert tanzenden Natascha Mair und Dumitru Taran als Bauernpaar etwas an Feierlaune in das Geschehen ein.Giselle Mair Taran

Den Hilarion hatte Eno Peci hingegen auch bei der ersten Verkörperung im Griff. Dass er Albrecht als Herzog enttarnt und sein Spiel mit Giselle aufdeckt, ist seiner Liebe zu dem Mädchen ebenso geschuldet wie einem allgemeinen Sinn für Offenheit und Gerechtigkeit. Pecis Hilarion ist jedenfalls kein gemeiner Schurke. Wir wissen es: Giselle hat schlecht gewählt. Und umsonst versucht auch Wilfried (sehr empathisch gestaltet von Marcin Dempc) seinen Freund Albrecht zur standesgemäßen Vernunft zu und von dem Abenteuer mit dem Bauernmädchen abzubringen.

Giselle PeciUnd so nimmt das Schicksal seinen Lauf, die Vorhersagen der Mutter (Franziska Wallner-Hollinek) erfüllen sich und Giselle ist zum ewigen Tanz unter den Wilis verdammt, die Männer in den Erschöpfungstod treiben. Das purpurne Kleid von Albrechts Verlobten Bathilde (edel und schön: Oxana Kiyanenko ), der einzige Farbkleks in den Grautönen, wird zum roten Tuch für Giselle, an dem sich ihr Wahnsinn entfacht, nachdem sie vom Betrug ihres angeblichen Verlobten erfährt.

Auch im zweiten Akt blieb die Liebe zwischen Poláková und Cherevychko unterkühlt. Ist es eher ein freundschaftliches Gefühl, das Giselle zur Rettung von Albrecht antreibt? Oder Familiensolidarität? (Man denkt unwillkürlich an die laut Programmheft versteckte Geschichte in diesem Ballett, wonach Giselle und Bathilde Halbschwestern sind, die eine illegitime, die andere legitime Tochter des Herzog von Kurland - eine Konstellation, die sich natürlich schwer tanzend darstellen lässt.) Ob die –zig Entrechats, die Albrecht unter dem Kommando der Wilis absolvieren muss, (heutzutage) tatsächlich Ausdruck tanzwütiger Rache sind, sei dahingestellt. Eine große Schwachstelle dieser Inszenierung aber, der Schluss, ist bis heute nicht ausgemerzt. Cherevychko begibt sich im Rückwärtsgang bis zur Bühnenmitte, streut dabei Lilien und legt sich schließlich eine Blume umarmend einfach auf den Boden. Dabei war nach dem Abgang von Giselle bei ihm von Erschöpfung nichts mehr zu merken …Giselle Polakova Denys2
 
Doch der weiße Akt steht ohnehin ganz im Zeichen des Corps de ballet, das an diesem Abend wieder über sich hinauswuchs. Keine Unsicherheit oder Ungenauigkeit bei den schwierigen Arabesken, ganz so als würden diese Geisterwesen unter der strengen Aufsicht ihrer Königin von einem gemeinsamen Atem bewegt. Rebecca Horner schlägt sich in der für sie ungewohnten Rolle als gestrenge Myrtha durchaus wacker, allerdings hat das unglückliche Kostüm mit der hochgeschlossenen Bluse und dem Lilienkränzchen auf dem Haupt die Autorität noch jeder Myrtha untergraben. (Unverständlich, dass es bis heute nicht geändert wurde.) Überirdisch luftig und leichtfüßig: Rikako Shibamoto und Elena Bottaro als Moyna und Zulma.

Giselle HornerNach anfänglichen (kleinen) Tempi-Unstimmigkeiten zwischen Tänzern und Orchester unter der Leitung von Valery Ovsyankov, fanden die beiden Ensembles in Laufe des Abends zu perfekter Harmonie.

Wiener Staatsballett: „Giselle“, Wiederaufnahme am 22. September 2017 an der Wiener Staatsoper. Weiter Vorstellungen: 23., 24., 26., 28. September, 1., 9. Oktober 2017; 30. Mai, 2., 4., und 6. Juni 2018