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daromaiNach fünf von neun Festivaltagen und zehn miterlebten Programmpunkten kann eine Zwischenbilanz gezogen werden. In Bezug auf sein nunmehr zwanzigjähriges Bestehen gilt: Das Festival La Strada Graz ist mehr denn je am Puls der Zeit, bei den Menschen und in Interaktion mit seinem Publikum sowie in Zusammenarbeit mit regionalen KünstlerInnen; es hat sich thematisch wie formal immer noch breiter aufgestellt.

Neben bester entspannender Unterhaltung und Belebung der Stadt ist La Strada zum Vermittler zeitgenössischer Kunstformen geworden; auch zu solchen, die sich gegenwärtiger Problematik stellen. In Bezug auf diesjährige Produktionen gibt von jeder einzelnen positiv Bemerkenswertes zu berichten, wenn auch selbstverständlich in unterschiedlichem Maße:

Als besondere Form des Straßentheaters ist „Stadtgeflüster“ der GrazGuides zu erwähnen, bei dem diese – durchaus auch für „Einheimische“- eine Stadtrundgang mit immer wieder unerwartetem und amüsantem Bezug zu La Strada bieten; so wie durchaus auch so manch Unbekanntes zur Stadt selbst. Eine nette Idee mit einigen ebensolchen Details in der Aufbereitung; eine Straffung allgemein und Vertiefung im Inhaltlichen wäre bei einer (wünschenswerten) Neuauflage dennoch erfreulich. Einen etwas anderen Stadtrundgang, nämlich mit Kopfhörern, war in der von „Electrico 28“ als „Sternstunden der Menschheit“ benannten Aktion zu erleben. Nicht mehr ganz neu in seiner Präsentationsweise hätte auch hier eine Verdichtung gut getan; etwas mehr an intellektueller Schärfe wäre bei den durch den Titel geweckten Erwartungen notwendig gewesen, um den gelegten Spannungsfaden straffer zu halten.    

Im Bereich Figurentheater wagte „Follow the Rabbit“ in Koproduktion mit La Strada den mutigen Schritt, die in Grunde philosophische Geschichte „Der Fels und der Vogel“ von Chew Chia Shao Wei für kleine Festivalbesucher zu dramatisieren. Die Weite der Themen – Freundschaft und Zeit-Begriffe -,  die in einem unspektakulären, feinsinnigen Text behandelt werden,  stellt eine hohe Herausforderung dar; insgesamt mit Bravour gemeistert. Wohlüberlegt und stimmig, wie etwa der Fels, dessen Gedanken über Lautsprecher aus verschiedenen Richtungen, so manches Mal übereinandergelegt und in Wiederholungen zu hören sind, zurückhaltende Lebendigkeit erhält, fassbar wird. Das eine und andere – die Gummi-Ente auf dem Teich, das (Dosen-) Fischessen – gerät hingegen (wohl als Verständnishilfe und Unterhaltung für die Kleinen) zu realistisch, was der Homogenität dieser kleinen Geschichte freilich etwas schadet.

Als weiteres Beispiel für Cirque Nouveau vom Feinsten ist die Compagnie Daraomaї mit ihrem Programm „TiraVol“ im öffentlichen Raum. Unbeschreiblich, mit welcher  Feinheit des Ausdrucks, welcher Vielfalt der Bewegung und an Möglichkeiten des technischen Könnens auf einem Gestänge aus Eisen die Faszination des Miteinander der Geschlechter und ihrer fundamentalen Unterschiede „leichtfüßig und – händig“ in die Luft gezeichnet werden können.

Ganz anders grandios ist, was im Gegensatz zu all dem bisher Beschriebenen das französische Künstlerkollektiv KompleX KapharnaüM, unterstützt von Mitarbeitern der Holding-Graz-Abfallwirtschaft, in „Do Not Clean“ als kritisch-anklagenden Aufschrei, als empörten „Aufrüttler“ dem Publikum vor die Nase knallt: Lautstark, überdimensional, hektisch -  mit Müllcontainern und ihren Inhalten als primäre Protagonisten. In einer Intensität, wie sie eigentlich weder visuell noch akustisch zu ertragen, geschweige denn zu begreifen ist. Und eben so und genau so vielleicht ja doch begreifen lässt, dass nicht immer nur (zum Teil) der Abfall stinkt, sondern vor allem unser Umgang damit; damit, was „Rest“ ist; damit, was wir „übrig“ haben, zur Verfügung haben, zur Verfügung stellen sollten. In 20monatiger (Dreh-) Arbeit ist das entstanden, hier vorgeführt wird; in diesem choreographiertem Chaos, strukturiert durch Leuchttafeln, die kleine Geschichten erzählen und Projektionen, die auf improvisierten Leinwänden zeigen, was tagtäglich an Wahnwitzigem in diesem Bereich passiert; Geschichten von dem, was an den Rand geschoben wird und von denen, die an den Rand geschoben leben; ohne Schwarz-Weiß-Zeichnung schleicht es sich unter die Haut und  tut seine Wirkung.

La Strada graz, Produktionen in der Zeit von 27. Juli bis 2. August. Das Festival läuft noch bis 5. August 2017