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TsinguiridesMit der Ballettvorstellung am 8. Juli würdigte das Stuttgarter Ballett Georgette Tsinguirides zu ihrer Verabschiedung. 1945 als 17jährige Tänzerin engagiert, ist sie seither untrennbar mit „ihrer“ Compagnie verbunden: seit unglaublichen 72 (!) Jahren steht sie unter Vertrag, arbeitet seit der Beendigung ihrer Tänzerkarriere als Ballettmeisterin und Choreologin. Als diese bewahrte sie die Choreografien von John Cranko und wirkte weltweit, indem sie die Einstudierung seiner Werke  betreute.

Als Ballettmeisterin arbeitete sie mit  Generationen von Tänzern, die es ihr zu verdanken haben, dass sie sich unter ihrer sorgsamen Hand entwickeln konnten. Georgette Tsinguirides ist Herz und Seele der Stuttgarter Compagnie. Entsprechend kaum vorstellbar, dass tatsächlich mit Ende der Spielzeit jetzt im Juli ihre Tätigkeit beendet ist – und es künftig ein Stuttgarter Ballett ohne sie geben wird.

Zu ihrer Verabschiedung gab es allerdings kein Ballett von John Cranko sondern eine Aufführung von  „Don Quijote – der Träumer von La Mancha“ in der Choreografie von Maximiliano Guerra, getanzt von der jungen Tänzergarde.

Anders als in der in Wien gezeigten Nurejew-Version hat Maximiliano Guerra seiner Fassung eine deutlichere Rahmenhandlung gegeben, indem der Dichter Cervantes von Dulcinea ermuntert wird, den Roman „El Ingenioso Hidalgo Don Quixote de la Mancha“ zu schreiben – compuesto por Miguel de Cervantes Saouedra.DonQuijote

Diese Worte sind auch auf insgesamt 4 Holzwänden zu lesen, die die wichtigsten Bühnenversatzstücke bilden. Zusammengefügt gleichsam als oben offene Kiste, verwandeln sich diese beweglichen Bühnenteile mehrfach als Bühnenabtrennung, als Rahmen oder in einer Projektion auch als die Flügel der Windmühle. ((Ausstattung und Kostüme: Ramon B. Ivars). Die Kostüme sind von lebhafter fröhlicher Farbe und unterstreichen die an sich bekannte Handlung rund um Kitri und Basilio, die letztlich dank Don Quijotes ritterlicher Unterstützung gegen den unwilligen Vater Lorenzo – er will sein Töchterchen ja mit dem reichen Camacho vermählen – Hochzeit feiern dürfen; nicht ohne dramatischem fingiertem Selbstmord von Basilio als Finte um das gewünschte Ziel zu erreichen. Elisa Badenes verkörpert die quirlige wie selbstbewusste und lebhafte Kitri. Eine absolute hochkarätige Idealbesetzung technisch wie darstellerisch! Ihr zur Seite mit Adhonay Soares da Silva als Basilio ein charmant-unwiderstehlicher und gut aussehender junger Tänzer vom Typ Latin Lover, Erst mit Beginn der Saison 2015/16 ins Corps de ballet engagiert, avancierte der Brasilianer bereits im Jänner 2017 zum Solotänzer. Noch nicht ganz so souverän wie Daniel Camargo als einer der beliebten Rollenvorgänger, steigert sich Adhonay Soares da Silva von Akt zu Akt. Furios der finale Pas de deux – das Protagonistenpaar reißt das Publikum zu begeistertem Beifall hin: Triple tours bei ihm und tolle Fouettés bei ihr entzücken die Zuschauer. David Moore reüssiert als stolzer Toreador José-Antonio, Rocio Aleman überzeugt als feurige Straßentänzerin Mercedes. Myriam Simon ist eine feinsinnige  Dulcinea. Veronika Verterich und Agnes Su gefallen als Kitris Freundinnen Pepa und Eva. Ami Morita verleiht der Königin der Dryaden stilvolle Eleganz. Als Cupido punktet Katarzyna Kozielska. Matteo Crockard-Villa führt als roter Faden in der Doppelrolle des Cervantes und des Don Qijote durch die Geschichte, begleitet vom treuen Sancho Pansa (Louis Stiens). Roman Novitzky als Camacho hat das Nachsehen um Kitris Gunst. Robert Robinson gefällt als Prinz der Zigeuner. Das Corps de ballet tanzt mit viel Esprit, James Tuggle leitet schwungvoll das Staatsorchester Stuttgart.

Um möglichst vielen des treuen wie enthusiastischen Stuttgarter Ballettpublikums Gelegenheit zu geben, dabei zu sein, wurde der Ballettabend bei „Ballett im Park“ auf eine Leinwand im Schloßgarten am Teich vor dem Opernhaus übertragen. Die Massen tummelten sich dort, kein Fleckchen Wiese war zu sehen und bis auf die Stufen der Oper waren Menschen versammelt: alle wollten Georgette Tsinguirides noch einmal nahe sein. In der ersten Pause wurde sie daher auf der kleinen Bühne im Freien von der ehemaligen Ersten Solotänzerin Sonia Santiago interviewt, in der zweiten Pause signierte Tsinguirides im Pausenfoyer im 1. Rang ihre Biografie („Georgette Tsinguirides – ein Leben für John Cranko und das Stuttgarter Ballett“ von Susanne Wiedmann, erschienen 2015 im Verlag Klöpfer&Meyer), die aktuelle Broschüre zum Bühnenabschied oder das Programmheft.

Tsinguirides2Nicht enden wollender Applaus und emotionale Momente auf offener Bühne, als sich am Ende alle Tänzer durch Überreichen einer roten Rose bei Georgette Tsinguirides bedankten. Im Defilé waren nicht nur die aktiven Tänzer aus dem Stuttgarter Ballett, auch ehemalige Kolleginnen und Kollegen sind gekommen, um bei der Verabschiedung dieser charismatischen und über viele Jahrzehnte der Compagnie untrennbar Verbundenen die Ehre zu erweisen, wie Birgit Keil, Vladimir Klos, Egon Madsen, Sue Jin Kang ... Ein Transparent mit Dankesworten auf der Bühnenrückseite, Konfettiregen und weiße wie rote Herzballons, dazu standing ovations im Publikum: mit Georgette Tsinguirides wurde eine herausragende Persönlichkeit würdig verabschiedet.