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TraiskirchenZum Abschluss gab es bei den Wiener Festwochen 2017 zwei politisch motivierte Produktionen zu sehen: Mit einem Musical arbeitete das Regie-Duo Tina Leisch und Bernhard Dechant Berichte über Zu- bzw. Missstände im Flüchtlingslager Traiskirchen im Sommer 2015 auf. Das australische  Back to Back Theatre, dessen Mitglieder „Menschen mit intellektueller Beeinträchtigung“ sind, widmete sich in „Lady Eats Apple“ der Nahtoderfahrung.

2015, das Rekordjahr der Flüchtlingsströme, hat (nicht nur) die österreichische Verwaltung überfordert. Das Erstaufnahmelager in Traiskirchen etwa war mit der Anzahl der Ankommenden heillos überfordert – die Berichte von NGOs waren alarmierend. Die Zivilgesellschaft reagierte auf diese Shortcomings mit einer großartigen und großzügigen Hilfsbereitschaft. Die Künstlerinitative „Die Schweigende Mehrheit“ setzte damals bereits Aktionen wie Pressekonferenzen, Mahnwachen oder die Aufführung „Schutzbefohlene performen Jelineks Schutzbefohlene“, die durch die Störaktionen der Identitären im Audi Max besondere mediale Aufmerksamkeit erlangte und mit dem Nestroy-Spezialpreis augezeichnet wurde. Nun inszenierte die Regisseure Tina Leisch und Bernhard Dechant mit etwa 35 internationalen Darstellern – die meisten von ihnen professionelle Schauspieler, Tänzer oder Musiker, wie im Programmheft mehrmals angemerkt wird – „Traiskirchen. Das Musical“.

Das Musicalformat passt exzellent zur plakativen Ideologie, die in dieser Produktion vorherrscht. Linke Parolen und rechte Sprüche prallen aufeinander – sie sind mittlerweile zu oft wiederholten Klischees geworden. Derartiger Agitprop wird vom Publikum prompt mit Zwischenapplaus und zustimmendem Jubel honoriert. Dazwischen sind durchaus amüsante Szenen eingespielt, wie der High Heel Dance, der „Haram, Haram, Haram“-Chor oder der Vorzeige-Schlepper. Manchmal wird daraus ein Betroffenheitsdrama, allerdings ohne emotionalen Anker für die Zuseherin. Die Überzeichnung überführt die dramatische Realität dieses Sommers in Traiskirchen ins Abstrakte. Ideologie-konform wird daraus eine allgemeine Kapitalismuskritik.

Musikalisch pendelte sie zwischen West-Side-Story und Andrew Lloyd Webber (musikalische Leitung und Komposition: Imre Lichtenberger Bozoki). Die SängerInnen hatten jene flachen und gleichzeitig kräfrigen Stimmen, wie sie heute im Mainstream-Musical so typisch sind. Eine Ausnahme bildete da Sakina Teyna, die mit einem kurdischen Lied eine emotionale Facette einbrachte, bei der man gerne länger verweilt hätte. Doch die Sängerin wurde durch einen lauten Knall jäh unterbrochen – the Show must go on … Fazit: „Traiskirchen. Das Musical“ war eine sicher gut gemeinte, aber theatralisch kaum entwickelte, triviale Nummernrevue.

BacktoBackMit einer aufwändigen Bühneninszenierung wartete das Back to Back Theatre auf. Die Zuseher teilten sich anfangs die Bühne mit den Darstellern. Bis sich die Schleier (des Jenseits?) lüften und den Blick auf den Zuschauerraum freigeben, wo die Aktionsfläche nun im dritten Rang verortet ist. Dementsprechend hatte das Stück „Lady Eats Apple“ drei klar voneinander getrennte Teile, ohne dass sie eine sinnhafte, inhaltliche Gesamtheit bildeten. Im ersten Teil schien es um einen Gotteskampf zu gehen. Adam und Eva traten auf und wurden aus dem Paradies vertreiben. Der jüngere Gott hatte nun die Macht, der ältere Gott nichts mehr zu tun und bat den Jüngeren um Erlösung durch Tod. Im zweiten Teil hörte man im dunklen Zuschaueraum Erlebnisberichte von Menschen, die dem Tod ganz nahe waren. Im Zentrum des letzten Teils stand eine Romanze zwischen einem Arbeiter und einer Arbeiterin in einem Putztrupp. Am Ende kamen alle wieder auf der Bühne zusammen, um sich um den getöteten Gott zu kümmern.

Die „Menschen mit Lernschwierigkeiten“, die im Back to Back Theatre (künstlerische Leitung und Regie: Bruce Gladwin) als Schauspieler agieren wirken in diesem Stück mechanisch und wie ferngesteuert. Ein Experiment, das viele Fragen über inklusives Theater aufwirft ohne dabei eine Zielsetzung erkennen zu lassen.

Wiener Festwochen: „Traiskirchen. Das Musical“ am 17. Juni im Volkstheater; Back to Back Theatre: „lady Eats Apple“ am 18. Juni im Theater an der Wien