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Icon kostumeAm Eingang der Studiobühne wurde das Publikum freundlich begrüßt: von Ballettdirektor Jörg Weinöhl. Aber damit trat er für den Rest des Abends auch schon in den Hintergrund -  konsequenterweise, denn dieses Programm von „Tanz ganz nah“, das letzte dieser Reihe in der laufenden Saison, lag zur Gänze in den Händen und in der Verantwortung der TänzerInnen des Opernhauses. Im Mai hatte sich das Grazer Ballett in der Serie „ABC des Tanzes“ ganz dem Ballettkostüm verschrieben.

„Solistische Dialoge“? Dieser Titel scheint ein Widerspruch in sich, ist aber doch auch gut nachvollziehbar: Im Sinne eines Dialoges, in dem jeder der beiden Beteiligten eine klar abgegrenzte und damit „solistische“ Funktion hat: als Choreograph oder als Tänzer; in selteneren Fällen freilich auch vereint in einem Künstler, was nicht nur hier eine besondere Herausforderung darstellt. Dass „im künstlerischen Schaffen …das dialogische Miteinander eine bedeutende Rolle“ habe, das betont Weinöhl weiters in seinen Zeilen auf dem Abendzettel zu diesem Programm. Und fährt zutreffend fort, dass sich „eine weitgefächerte Vielfalt“ zeige. Eine, die nicht nur das Persönliche sowohl hinter jeder Choreographie wie auch seiner Interpretation sichtbar machte, sondern auch die Vielfalt tänzerischer Ausdrucksformern vorführte. Beides war ein wertvolles Programmangebot an das Publikum, das im Einzelnen wie auch besonders am Schluss mit dankbarem, langem Applaus reagierte.

Einen thematisch netten Einstieg bot Sigrid Glatz mit dem von ihr choreographierten und getanzten „Frei}T{Raum“: Vorerst vertraut-ästhetischer, klassischer Tanzfluss in Ballettschuhen, allerdings nur, bis sie Ballettschläppchen findet und anzieht; schade, dass sie den nun gegebenen Freiraum nicht mutiger nützt. Miki Wakabayashi und Frederico Oliveira tun dies hingegen sehr wohl in ihrer von Oliveira interpretierten Choreographie: Mit dem street dance entnommenen Bewegungsformen wird vorerst dem Wunschbild des starken Mannes entsprochen; Grenzen werden allerdings schon hierbei nahezu beängstigend sichtbar und schließlich „darf“ sich auch das Emotionale seinen Platz nehmen: bravo! Scharfen Gegensätzen widmet sich Wakabayashi in der von Lorena Sabena einfühlsam getanzten Szene „Himegoto“: auf hell und dunkel, fließend und abgehakt bricht sie das als Lebensmetapher Auslegbare herunter – und berührt. Als aufrüttelnd ist die von Marina Schmied selbst präsentierte Choreographie, die sich um ein vergleichbares Thema dreht, zu bezeichnen: räumlich eingegrenzt in einer Lichtgasse verwehrt sie sich gegen bekannte Bewegungsmuster, bricht frech, aufrührerisch oder auch humorvoll in sehr individuellen, exakt ausgeführten (Bewegungs-)Versuchen aus diesen aus. Dagegen wirkt das Bestreben Sigrid Glatzs sich aus Langeweile, aus Lethargie zu befreien und die Schrift (an der Wand) zu begreifen (in der Szene „In the large“ von Arthur Haas) zu zaghaft sowohl in Form als auch Botschaft.

Ein eruptives Statement hingegen das, was Joao Pedro de Paula als Choreograph zum Thema „Bildung“ sowie tänzerisch hoch-individuell und mit der ihm eigenen, faszinierenden Exaktheit visuell präsentiert und zusätzlich, in eingespielten englischen sowie live gesprochenen deutschen Texten an verunsichert Anklagendem zu sagen hat - ebenso nachdenklich wie witzig-provokant und – ausbaufähig.

Eine sehr feinsinnige, in ihrer Theatralik wie für Lorena Sabena geschaffene Interpretation des Stabat-mater-dolorosa-Themas, choreographiert von Fabio Toraldo, tat durch glaubhafte Emotionalität  seine Wirkung. Astrid Julens Tanz und Choreographie mit einem Spiegel, „ich bin“, zu einem Text von Karin Thiesen erreichte hingegen auf keiner der eingesetzten Medien eine größere oder in die Tiefe gehende Nachhaltigkeit.Jaione Zabala

Eine gewisse Sonderstellung hatte die letzte Präsentation „Adieu“, war sie doch von keinem der Tänzer kreiert, sondern von Ballettmeisterin Jaione Zabala. Angelegt für zwei Tänzer gelang ihr dabei das kleine Kunststück, tatsächlich einen „solistischen Dialog“ auf die Bühne zu stellen, nämlich zwei Menschen, deren Miteinander in einem nicht mehr stattfindenden Dialog, also aus Monologen respektive aus jeweils solistischem Sein besteht. Klein und fein, diese Szene,  engagiert und sensibel interpretiert von Clara Pascual Marti und Simon Van Heddegem.

nussknackerABC des Tanzes

Entsprechend dem Titel soll Grundwissen über  die  Arbeit rund um das Ballett vermittelt werden.  Dazu zählt auch das, was „hinter der Bühne“  von nicht tanzenden  Künstlern und Mitarbeitern geleistet wird.  Und so stand im dritten Teil dieser Reihe der laufenden Saison das Thema Ballettkostüm auf dem Programm; etwas, das auch wiederum und  offensichtlich das Interesse eines breiten Publikums ansprach.

Die Ausstatterin Saskia Rettig, die in Wien Bühnenbild studierte und an Häusern in Deutschland Erfahrung gesammelt hat,  war  gemeinsam mit zwei Gewandmeisterinnen Gesprächspartnerin von Ballettdirektor Jörg Weinöhl. Ausgewählte TänzerInnen des Ensembles zeigten in chronologischer Reihenfolge ganz kurze Ausschnitte aus den bisher realisierten  fünf Produktionen. Dieser kleine Rückblick bot eine nette Gelegenheit zur Erinnerung, motivierte zur distanzierten Reflexion darüber bzw. zum Erkennen des tänzerisch-choreographischen roten Fadens. Die jeweils originalen Kostüme, in denen sich die Tänzer  bewegten, wurden zwar anhand des jeweiligen inhaltlichen Konzepts kurz charakterisiert, doch wäre ein tiefergehendes Analysieren, ein Hinweisen auf  Details und vor allem Aufzeigen deren (vielleicht unterschätzter) Wirkung bzw. Auswirkung auf die Rezeption von großem Interesse gewesen: ein Vorführen ein und derselben kleinen Szene in unterschiedlicher Kleidung hätte wahrscheinlich auch mehr an Erkenntnis  gebracht.

So bleiben aber immerhin Bemerkungen  wie „ Stoff gibt Erdung und Kraft“  in Bezug auf in Röcken tanzenden Männern  im Gedächtnis. Auch wurde das Bewusstsein für die Anforderungen an Kostümbildnerin und Gewandmeisterin zweifellos geschärft: Wie ist jeweils das Problem schnellen Umziehens zu lösen oder wie das des „schwerelosen“ Tanzens mit opulentem Kostüm. Oder aber, bezüglich Bühnenbild: Wie kann man den inhaltlich verwobenen Plot von Heute und Gestern  visualisieren.

„Solistische Dialoge“ (in der Serie „Tanz ganz nah“) am 10. Juni 2017; ABC des Tanzes „Ballettkostüm“ am 10. Mai 2017, beide in der Studiobühne Opernhaus Graz