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DemocracyInAmerica Romeo Castellucci hypnotisiert in „Democracy in America“ mit Bildern und Tänzen zu den Anfängen der Demokratie in den Vereinigten Staaten von Amerika. Er zeigt Siedler, die von diffusen religiösen Vorstellungen geprägt sind und glauben, in einem „gelobten Land“ angekommen zu sein. Vielleicht lässt sich daraus das heute aktuelle „America  first“ verstehen, aber Bezüge zur Polit-Farce in den USA spart Castellucci aus.

Der italienische Regisseur erzählt von Sklaverei, Zungenrednern, tiefgläubigen, (ver-)zweifelnden Siedlern und sich assimilierenden indigenen Einwohnern. Sein Cast ist  stark und durchwegs weiblich, auch in den Männerrollen. Auf der Bühne hört man Glossolalie-Gesänge – Zungenrede - aufgenommen in einer Pfingstler-Kirche in Oklahoma. Der italienische Regisseur taucht mit seiner Arbeit in die religiöse Verfasstheit der amerikanischen Gesellschaft und ließ sich dabei von Alexis de Tocquevilles Amerika-Studie aus 1832 inspirieren, der von einer „puritanischen Grundlage“ erzählt.

Leichtfüßige Folklore. Frauen tanzen in weißen, goldbestickten Uniformen glöckchen-klingend im Kreis, bis sie ihre Fahnen entrollen. Die Buchstaben darauf bilden die Worte „DEMOCRACY IN AMERICA“. Weiter dreht sich die Runde, als sie stillstehen, lautet die Buchstabenfolge „CAR COMEDY IN AMERICA“. Einige illustre Varianten findet der italienische Regisseur, der 2013 mit dem Goldenen Löwen der Biennale von Venedig für sein Lebenswerk ausgezeichnet wurde. Bis sich eine Frau aus der Runde löst, sich ihrer Uniform entledigt und sich mit Blut beschüttet. Ihr Gesicht und ihre bluttriefenden Haare schlägt sie an ein überdimensionales Trapez, das sich auf die Bühne senkt. Elisabeth ist ihr Name. Sie ist Siedlerin und fühlt sich im „gelobten Land“ angekommen, erfährt man nach einem „Steinmetz-Song“, der von den rechtlosen Sklavenarbeiten erzählt, die das Land aufbauten. Die Siedlerin wird ihr Kind für Saatgut verkaufen, Gott verfluchen, wie besessen in indianischen Zungen reden und verzweifelt nach dem unergründlichen Namen Gottes suchen, der ihr Gehör für ihre flehentlichen Gebete schaffen soll. Doch Gott antwortet nur durch einen Priester, der sie für ihren Diebstahl von Werkzeugen bestrafen wird.

Purpurrote Prozessionen und Assimilierung. Castellucci schafft faszinierende, gaze-verschwommene Bilder von unheimlichen Prozessionen purpurrot gewandeter, gehörnter Frauen. Er blendet Zahlen und Daten der amerikanischen Geschichte ein, schafft Assoziationen mit biblischen Überlieferungen: etwa mit Abraham, der seinen Sohn Isaak opfern will. Er erzeugt starke Bilder von religiösen Verflechtungen. Amerikas Ureinwohner assimilieren sich und erlernen die englische Sprache der Eindringlinge, bevor sie sich eine Gummihaut vom Körper schälen und ablegen.

Romeo Castelluccis bildhafte theatrale Erzählung, die nicht stringent verläuft, schafft starke Assoziationen und verweist dabei ganz auf unbewusste Triebkräfte, die aus dem Inneren wirken. Klare Botschaften bleibt er dabei schuldig und seine Bühnenarbeiten wirken wie schöne, wundersame Rätsel, die sich elegant einer finalen Entzifferung entziehen und noch lange nachklingen.

Romeo Castellucci/Societas, Volkstheater am 25.5.2017, Wiener Festwochen www.festwochen.at