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AhlbomJakopHorror, Grenzen und Männer von Jakop Ahlbom, Helena Waldmann und Wim Vandekeybus. Die Posthof-Tanztage starteten Anfang März mit der Jakop Ahlboms Produktion „Horror“. Nach der Buster-Keaton-Hommage des Niederländers bei den Tanztagen 2016 waren die Erwartungen hoch gesteckt. Zudem wurde in der Tanztage-Ankündigung für die neue Produktion mit attributiven Zusätzen nicht gespart – a la „überwältigend“, „furios“.

Und weiter: „Fantastische Symbiose aus hochkarätigem Tanz, perfekt getimter Akrobatik und subversivem Humor“ oder auch „atemberaubende Gruseleffekte“ und ein „plastisches Horrorkabinett, das Gänsehaut und Lachanfälle gleichermaßen garantiert“. Nun ist ja zu verstehen, dass die Werbetrommel kräftig gerührt werden will. Allerdings sind derlei große Versprechen in der Ankündigung auch schwierig – Stichwort Erwartungshaltung. Zu sehen war eine Bühnenshow mit dem Thema „Best-off-Bilderreigen-und Schreckmomente-des-Horrorfilms“. An Bühnenbild, Technik und sonstigen Effekten wurde nicht gespart. Dies war beachtlich, einfallsreich und tatsächlich beeindruckend. Aber abgesehen vom Staunen über diese inspirierte wie exakte Umsetzung, was das künstlerische und technische Konzept des Bühnenraumes selbst anbelangt: Weder Horror noch Suspense haben sich im Laufe des Stückes wirklich eingestellt. Nach einem vielversprechenden Intro, das an temporeiche Filmbildschnitte erinnerte, verirrten sich die Handvoll DarstellerInnen zwar im Wald, im Herrenzimmer oder in anderweitig bösartig beseelten Umständen. Aber sie wirkten ein wenig, als ob sie nur der Reihe nach die Szenen und Effekte bespielten. Kaum Tanz, keine Akrobatik – höchstens diesbezüglich sichtbar körpergeschulte AkteurInnen, denen insgesamt wenig Raum und wenig eigenständige Rolle gegeben wurde. In den kurzen Momenten, wo die DarstellerInnen in ihre Präsenz gelangen durften, kippte man als ZuseherIn auch tatsächlich in die Szene. Leider war das selten. Die immer wiederkehrende Narration des Stücks war stattdessen: Wir erzeugen Horrorfilm-Momente, vorzugsweise diejenigen, wo im Horror etwas passiert. Die Rechnung kann insofern schwer aufgehen, als dass sich solche Szenen innerhalb der mehr oder weniger subtilen bis brachialen Genrehandlungen aufbauen. Sie lassen sich nicht einfach so ohne Spannungsverlust als Zusammenschnitt verschiedener Grusel-Highlights hintereinander abspielen. Nur leichtes Geisterbahn-Feeling.Waldmann

Mitte März zeigte Helena Waldmann ihre Produktion „Gute Pässe Schlechte Pässe – eine Grenzerfahrung“. Das Stück hatte etwa zwei Wochen zuvor Weltpremiere und war als Österreichpremiere bei den Posthof Tanztagen zu sehen. Helena Waldmann hat in „Gute Pässe Schlechte Pässe“ Grenzen und Abgrenzungstendenzen thematisiert. Im Stückkontext hat sie auf konkrete Ungleichgewichte hingewiesen, was den Wert von nationalen Ökonomien und den direkt abgeleiteten Wert der jeweiligen Menschen dieses Landes bedeutet. Konkret meinte das in den Begleittexten, dass man mit „guten Pässen“ wie etwa dem deutschen Pass in fast alle Länder der Welt einreisen darf, mit „schlechten“ anderer Nationen, wie etwa Afghanistan, nur in wenige. Für die eigentliche Thematisierung der kulturellen Grenzen hat Helena Waldmann aber auf der Bühne mit den Unterschieden innerhalb der darstellenden Kunst selbst gearbeitet. So trafen zwei Gruppen zusammen, die einerseits aus zeitgenössischen TänzerInnen und andererseits aus AkrobatInnen des Cirque Nouveau bestanden. Und wenn man zuerst meint, dass es sich hier nur um die feinen Unterschiede handeln kann, dann wird man eines Besseren belehrt. Etwa wenn die Tänzer ihre feingliedrige Eleganz ausspielen und ein anderes Mal wie angepasste kleine Kulturmarionetten wirken. Oder im Gegensatz die Akrobaten ihre Körperwagnisse zelebrieren und später wie Kraftlackel bis zur Erschöpfung gegeneinander antreten. Wer die Guten und wer die Besseren sind? Wie immer schwer zu sagen. Die beiden Gruppen müssen zwischendurch von „Mauerbauern“ getrennt werden. Allen zusammen wurden als Intermezzi Fragen gestellt, die sich auf persönliche Meinungen, oder auf eigene Grenz- und Grenzübertritts-Situationen bezogen haben. Ein in seiner Kritik durchdachtes Stück, das mit seinen thematisierten ästhetischen Meinungsverschiedenheiten zudem äußerst kurzweilig anzusehen ist. Ein Interview mit Helena Waldmann, noch vor der Premiere des Stückes geführt, ist auf tanz.at zu lesen.

UltimaVezBleibt der große Wim Vandekeybus und Ultima Vez. Ultima Vez hat Ende März sein „In Spite of Wishing and Wanting Revival“ gezeigt, also das viel beachtete Männerstück von 1999 neu aufgelegt. Zu sehen waren im März 2017 unter anderem Männer als Wildpferde, Männer in Dressur, skulptural anmutende antike Posen, dazwischen das pulsierende Leben, wie auf einem nächtlichen Basar oder in der Geschäftswelt von heute. Es gab Männer in verschiedenen Rollen, es gab gegenseitiges Tragen, Aufbäumen und gemeinsame Männergebilde. Es gab erzählende und quasselnde Männer. Und was Männer noch alles können! Springen, große Gesten machen, streiten, sich verweigern, durchknallen, imponieren – das alles immer wieder durchmischt mit einem surreal Traumhaften und animalisch  Natürlichen. Konterkariert wurde das mit der Setzung eines Nullpunktes der Kultivierung: Mit einer Art „Ur-Mann“, der anhaltend brüllende Laute von sich gibt. Nicht kultiviert, nicht zugerichtet, versteht er auch die vierte Grenze zum Publikum nicht, rennt mal ins Dunkle des Publikumsraums, reißt den Tanzboden auf und versteckt sich darunter, ist später im Infight mit Messer und hochgeworfenen Kartoffeln. Dass das Männerstück 1999 große Aufmerksamkeit erregte, weil es nur Männer auf die Bühne brachte und thematisierte, ist bekannt. Im Zeitsprung ist die Begeisterung von damals durchaus nachvollziehbar, dennoch zeigte sich auch das Zeitgebundene und die Entwicklung in andere Zeiten: Die Faszination ist nicht mehr so brisant, die Geschlechterrollen haben sich auf der Bühne und im realen Leben weiterentwickelt und vermischt. Dieses Gefühl entsteht bei „In Spite of Wishing and Wanting Revival“ - trotz des gesellschaftlichen Backlashs draußen. Es bleibt auch die Vermutung, dass sich das „Revival“ doch wesentlich von der ursprünglichen Version unterscheidet – wer kann schließlich seine Erinnerungen über fast 20 Jahre hinweg beschwören? Stattdessen kommt ein Surreales hinzu: In das Wishing-and-Wanting-Revival sind Kurzfilme eingewoben, die merkwürdig traumhaft an Fellini erinnern.  Eigenwillige Filme über antike Herrscher und deren Hofstaat. Oder über Tränen, Schreie und letzte Worte. Vielleicht deutet dieses Revival auch in eine neue männliche Welt hinein? Oder in eine andere Zeit, die erst vor uns liegt? Meister Vandekeybus eilt sein Ruf voraus: brilliant, dieses Mal auch ein wenig kryptisch.

Jakob Ahlbom „Horror“ am 4. März, Helena Waldmann „Gute Pässe – Schlechte Pässe“ am 14. März, Wim Vandekeybus „In Spite of Wishing and Wanting“ am 30. März 2017

Bei den Tanztagen 2017 sind außerdem noch zu sehen: Rosalie Wanka & Cecilia Loffredo „Körper () Territorium () Erinnerung“ am 20. April; Leonor Leal „Jaleo“ am 26. April; Silk Fluegge „Dear“ am 29. April im Posthof.