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Ito einstiegDrei Tage beim Osterfestival Tirol, das ist Eintauchen in kontrastreiche Welten: Von der abstrakten musikalisch-choreografischen Arbeit des Belgiers Thierry De Meys über sakrale Renaissance-Gesänge unterschiedlicher Konfessionen bis hin zur Tochter-Vater-Geschichte von Kaori und Hiroshi Ito. Damit führt die künstlerische Leiterin Hanna Crepaz die Tradition dieses Festival fort, das seit Bestehen durch seine wohl überlegte Programmgestaltung in der Festivallandschaft hervorsticht.

Einfach komplex

In seinem Stücktitel „Simplexité“ hat Thierry De Mey die beiden Begriffe einfach und komplex fusioniert und sich laut Titel auf die Suche nach der „Schönheit der Bewegung“ begeben. Warum der Filmemacher und Musiker nun auch als Choreograf firmiert erklärt er mit seinem Wunsch ein „Gesamtkunstwerk“ kreieren zu wollen. Dass er das nicht im Alleingang gemacht hat, suggeriert die Arbeitsweise, in der MusikerInnen und TäzerInnen durch gemeinsame Improvisation das Material für „Simplexité: La beauté du geste“ entstehen ließen.Simplexity1

Fünf TänzerInnen von Charleroi Danses und fünf MusikerInnen des Ensemble Intercontemporain treffen auf der Bühne aufeinander, zuerst einzeln in rechteckigen Lichtoasen. Nach und nach werden die Aktionsfelder abgesteckt bevor die Individuen zu einer Gruppe zusammenwachsen. Wenn die Harfinistin, der Bratschist und der Klarinettist mit Tönen experimentieren (die von IRCAM elektronisch bearbeitet werden), sieht der Tanz dazu wie eine lebendige Musikvisualisierung aus. Die Frage nach dem Huhn und dem Ei drängt sich auf. Was war zuerst: Musik oder Tanz? Doch bald tritt der Unterschied der beiden Medien in den Vordergrund. Sie folgen jeweils einer eigenen Logik, zählen das Metrum unterschiedlich. Wenn Musiker eine Bewegungsphrase mit ihrem Körper „intonieren“ geben sie ihrem Tun sofort eine Struktur, machen aus ihren Bewegungen rhythmische Muster. Wo Tänzer ondulieren, phrasieren und changieren, setzen Musiker exakte Akzente. Das wird besonders im letzten Teil augenscheinlich, wenn die Musiker in einer dichten Schlagwerk-Session ständig den Rhythmus wechseln und doch immer wieder zu erkennbaren Pattern finden. Dem gegenüber scheint der Tanz zu „zerfließen“, fast verliert man ihn angesichts des rhythmischen Treibens aus den Augen. Nicht umsonst bestehen ChoreografInnen wie Anne Teresa de Keersmaeker, Michèle Ann De Mey (Thierrys kleine Schwester) oder Wim Vandekeybus, mit denen Thierry De Mey über viele Jahre zusammen arbeitete, in ihren tänzerischen Kompositionen auf stringente Strukturen, um den Tanz neben der Musik bestehen zu lassen. Anzunehmen, dass Thierry De Mey absichtlich darauf verzichtete, und so die Unterschiede ganz bewusst machte. So ist „Simplexité: La beauté du geste“ zwar ein interessantes Experiment mit einer Choreografie aus der Perspektive eines Musikers (und Filmemachers), den Anspruch eines „Gesamtkunstwerkes“ erfüllt es jedoch weniger.

Ito1Viele Fragen an den Vater

In ihre Tochter-Vater-Beziehung geben die Choreografin Kaori Ito und der Bildhauer Hiroshi Ito Einblick. Was als persönliche Auseinandersetzung der Tochter, die mit 18 ihr Zuhause in Tokio verließ und mittlerweile als Tänzerin und Choreografin in Europa erfolgreich ist, beginnt, wird zu einer allgemein gültigen Darstellung von Eltern-Kind Beziehungen, vielleicht wil Kaori Ito durch die räumliche Distanz eine klarere Perspektive darauf hat. Dieser Auseinandersetzung liegt ein Fragenkatalog der Choreografin zugrunde. Vom Band stellt sie Fragen an sich, über sich, von sich. Langsam schält sie sich aus den traditionellen Kleidern und versucht mit butoesken Bewegungen das Kleinkindstadium zu überwinden. Der Vater sitzt derweil ruhig am Bühnenrad. Als Erwachsene stellt sie nun unzählige Fragen direkt an ihn – und es hört sich ganz nach einer schonungslosen Abrechnung aus: „Warum bist du meiner Mutter ergeben?“ „Hast du Angst, dass ich nicht mehr deine Tochter sein könnte?“, „Hast du Angst, deine Gefühle zu zeigen?“ Der Vater antwortet darauf mit Bewegungen, in die die Tochter nach und nach einsteigt, aus dem Monolog wird ein Dialog, in dem die Annäherung auf berührende Weise gelingt. „Ich tanze, weil ich Worten misstraue“, heißt das Stück. Während die körperliche Ebene verständnisfördernd ist, werden die Worte zum trennender Faktor. Das Gespräch zwischen der Tochter und dem Vater erscheint in Übersetzung auf dem Hintergrundprospekt. Die Tochter scheint gegen die Endlichkeit des Vaters anzutanzen … „weil ich für dich schon eine Person der Vergangenheit bin“, sagt er.  „Hast du noch Fragen an mich?“, fragt sie. „Nicht eine“, ist seine schlichte Antwort.Ito2

Nicht nur der Tanz füllt den Raum, auch eine turmartige, von schwarzem Tuch umhüllte Skulptur auf Rädern von Hiroshi Ito ist dabei, die er ebenfalls durch den Raum tanzen lässt. Am Ende legt die Tochter den Inhalt frei und gibt das Geheimnis der Form preis.

Judas’ späte Wiedergutmachung

JudasTheologische Themen künstlerisch aufzugreifen, das ist schon immer programmatischer Teil des Tiroler Osterfestivals. Mit den zunehmenden religiösen Spannungen in unserer Gesellschaft wird diese Aufgabe nicht leichter. Daher verzichtete die künstlerische Leiterin Hanna Crepaz sogar auf ein eigenes Vorwort im Programmheft und verwendete verschiedene Texte, unter anderen von Ingeborg Bachmann und Umberto Eco, um das Thema von unterschiedlichen Seiten zu beleuchten. Gleichzeitig widmet sie das Palmsonntag-Programm einer viel geächteten Figur in der christlichen Überlieferung: Judas Ischariot. Seit einigen Jahren ist seine historische Rolle als Verräter Jesus' unter Theologen zumindest umstritten. In der Eigenproduktion „Oh du armer Judas“ vereinte das Osterfestival nun katholische und lutheranische sakrale Musik mit chassidischen Gesängen aus der frühen Renaissance. Die christlichen Lieder von Orlando di Lasso, Ludwig Senfl, Martin Luther oder Josquin Desprez wurden vom Vokalensemble Personat und dem auf Originalinstrumenten spielende Concerto Palatino musiziert, drei jüdische Lieder von Timna Brauer und ihrer Tochter Jasmin Meiri-Brauer gesungen – und gerne hätte man noch mehr von den beiden gehört. In diesen eindringlichen Kontrast religiöser Traditionen brachte Fabien Moulaert auf der Orgel der Hofkirche in Innsbruck einen weiteren Akzent ein.

Osterfestival Tirol, 8. bis 10. April 2017 in Innsbruck und Hall/Tirol. Weitere Veranstaltungen bis 16. April