BoslBei weitem nicht alle Choreografien von Richard Siegal sind so twistlaunig-unterhaltsam wie seine Kreation „Preludes“ für die Junior-Companie des Bayerischen Staatsballetts. Im Rahmen der ersten Winter-Matinee der Heinz-Bosl-Stiftung Premiere – und die drei Jungs Federico Bruccoleri, Francesco Leone und Christoph Schaller schwoften ballettkräftig gegeneinander an, was das Zeug hielt.

Ihr Motor war eine pfiffige, spitzenbeschuht Schritte des Charleston aufs Parkett klopfende Lady: Margarida Neto ist definitiv ein mit beachtlichem Körperfeeling und Ausdrucksschärfe ausgestattetes Talent. Mit ihr hatte Stiftungsboss Ivan Liška im Team seiner Nachwüchsler einen Rausschmeißer-Joker im Ärmel.

Das Kleeblatt spielte seine Chancen vor dem im Publikum sitzenden neuen Ballettdirektor Igor Zelensky auch tatsächlich vortrefflich aus. Dem wunderbar gebauten Justin Rimke hingegen fehlte beim Soloauftritt in Liškas 2005 Lukáš Slavický gewidmetem „Ricercare“ noch das Gefühl zum Setzen von Pointen oder dem Transport eines inhaltlichen Sinns. So hechtete er mit seinen beachtlichen Sprungqualitäten allzu unfertig durch ein thematisch eigentlich bestens zu einem Interpreten seines Alters passendes Stück. Ballett ist eine harte Arbeit – und den Gipfel erklimmt ein Tänzer allein mit Technik nicht.

Deshalb macht es immer wieder Spaß, das gesamte Aufgebot der Münchner Ballett-Akademie-Klassen durch eine vom Dozentenkolleg humorig arrangierte „Symphonie Classique“ preschen zu sehen. Klar sollen die Kids hier Können zeigen. Wichtiger aber noch ist, dass sie sich durch die Auftritte im Nationaltheater den riesigen Raum dieser Profibühne erobern. Wenn der Absolvent dann mit einer Miniballerina überm Kopf in die Kulissen abrennt oder ein Bub die doppelt so große Partnerin elegant an die Hand nimmt, verwandelt sich Leistungssport in Kunst.

Mit der Grund- und Mittelstufe präsentierte Akademie-Leiter Jan Broeckx außerdem die „Vivaldi-Suite“ der Italienerin Stefania Sansavini in Deutscher Erstaufführung. Ein süßer Augenschmaus nicht nur für die zahlreichen stolzen Eltern, Großeltern und Bekannten. Ein dritter Akademie-Beitrag galt der Moderne: David N. Russos zeitgenössisch dreh-und hebewendiges Duett „At a Loss for Words“ beginnt, wo „Romeo und Julia“ endet – im zeitlosen Irgendwo zweier seelenverwandt-liebender, der Welt abhandengekommener Geister. Inmitten der schwarzen Bühne liegt, unachtsam wie im Schlaf dahingestreckt, ein junger Mann (Stanislaw Wegrzyn; am 4.12.: Armando Arens). Wenige Schritte von ihm entfernt kauert, kraftlos-traurig in sich gefaltet, das Mädchen. Emma Antrobus (alternierend mit Lena Obluska, 4.12.) lässt die bunten Blütenblätter eines ovalen Grabteppichs durch ihre Finger gleiten. Langsam und kniend zieht es sie zum Geliebten hin (Musik: Ólafur Arnalds). Intensiv baut sich in diesem schlichten Duo Spannung auf- und wieder ab. Ein Bogen, deren Klimax hinein in den Raum die beiden Ballett-Studenten fast ebenso souverän meisterten wie die beiden Ex-Staatsballett-Gastsolisten Katherina Markowskaja und Maxim Chashchegorov den Kreisschluss in Terence Kohlers elegischem Nude-Look-Duo „Transcended“.Bosl1

Liška jedenfalls stellte damit die kleine Form in den Fokus seines Matinee-Programms und fügte dem nicht ganz zweistündigen Programmkonzept noch seine Gelegenheitschoreografie „Aus dem Tagebuch“ zu Musik von Glasunov hinzu. Darin lässt er Bianca Teixeira (4.12.: Carollina de Souza Bastos) und Benjamin Balasz (4.12.: Sava Milojevic) in einem Ballettsaal aufeinander treffen. Jeder geschäftig an der Stange, im Training mit sich selbst. Auf zögerliche Blicke folgt zärtliche Annährung im Pas de deux. So solistisch orientiert sieht diesmal die viermal jährliche Tänzerförderung aus.

Heinz-Bosl-Stiftung: Winter-Matinee am 27. November und 4. Dezember 2016 im Nationaltheater München