montalvo1Unter den vielen Choreografien von Strawinskis „Frühlingsopfer“ zählt jene von José Montalvo wohl zu den originellsten. Der französische Tanzschöpfer mit spanischen Wurzeln lässt den pulsierenden Rhythmus in die Körper seiner Tänzer strömen. Ob diese nun ihre Stärken im Flamenco, Hip Hop oder Ballett haben – unter Montalvos Regie verschmelzen sie zu einem Corps de ballet, der den Unterschied feiert und stellen damit ein gesellschaftliches Modell in den Raum, das diese gleichzeitig überwindet. Großartig!

Sobald der Staccato-Rhythmus beginnt, wird die Musik kurz abgeschaltet und die Flamencotänzerinnen übernehmen mit ihren Füßen und Händen. Der Rhythmus wirbelt die B-Boys über die Bühne, animiert die Balletttänzerinnen zu temperamentvollen Grands Battements. Da himmelt der B-Boy die Ballerina auf Knien an, beugen sich die Tänzerinnen hinunter, und bestaunen den Kopf, auf dem die Urban Dancers stehen. Sie sind alle anders, und daher ist auch einiges befremdlich. Und doch ergeben sie ein großes Ganzes. Ein Paar lässt sich vom Rhythmus quasi in Schütteltrance versetzten und wird dabei auf dem Video im Bühnenhintergrund verdoppelt. Hier gibt es keine Menschenopfer, sondern einen Baum, der (als Computergrafik) nach unten wächst. Am Ende wird er wie von einem Windstoß gebeutelt die vor unseren Augen entstandene Blütenpracht seiner Äste abwerfen. Montalvo übersetzt „einfach“ die überschäumende Energie der Musik in Bewegung und feiert damit sowohl den Frühling als auch Strawinskis Score.montalvo2

Der unmittelbar darauf folgenden Teil steht ganz im Zeichen des Flamenco, der hier den Ton angibt. Ein Cantaor, die Tänzerinnen mit ihren Zapateados, ihren Palmeros und ihrem Kastagnettenspiel evozieren die Stimmung eines andalusischen Volksfestes. Flamencolieder wechseln mit Schlagern aus den 1950er Jahren ab – wie eine Referenz an die große Pina Bausch, deren Einfluss bei Montalvo auch in der Montage seiner Collage deutlich erkennbar ist. Ebenso ist seine Lebensfreude keine oberflächliche Stimmung, sondern entsteht aus einer profunden Nachdenklichkeit. (Ein Interview des Choreografen mit der Tanzkritikerin Marie-Christine Vernay im Programmheft macht deutlich, welch Geistes Kind er ist.) Das Fest spielt vor dem (Video-)Hintergrund eines Strandes, auf dem immer wieder Boote stranden. Einsame Figuren sitzen darin, dann ist es wieder vollgepfropft mit Menschen, oder trägt ein Paar, das einer Beziehung ängstlich ausweicht. La Fiesta endet mit dem Lied „El Emigrante“ von Juan Valderrama Blanca. Auf dem Video versinkt die Welt in einem Boot voller Müll …

montalvo3Montalvo, selbst Sohn politischer Flüchtlinge vor der Franco-Diktatur, schlägt mit dieser Hommage an den Flamenco eine Auseinandersetzung mit einem brandaktuellen Thema allein mit den Mitteln der Kunst vor: er mischt vorbehaltlos unterschiedlichste Stile, Hoch- und Popkultur, Bühnentanz und technologisch erzeugte Bilder und gibt so einen Ausblick auf eine Gesellschaft, in der Zusammenleben und –wirken nicht nur möglich, sondern eine Quelle unerschöpflicher Kreativität ist. Die großartige Crew und die 16 hinreißenden Tänzerinnen und Tänzer leben diese Vision mit überbordender Spielfreude und enormer Präsenz vor und füttern das Publikum mit Glückshormonen.

Vor zehn Jahren gastierte José Montalvo mit „Paradis“ das letzte Mal im Festspielhaus St. Pölten. Sein Stil und seine Mix-Methode sind unverändert. Damals wie heute ist er einer der großen Humanisten unter den zeitgenössischen Choreografen. Es bleibt zu hoffen, dass es nicht wieder so lange dauert, bis er erneut in Österreich zu sehen sein wird, denn positive Statements in der Kunst sind für die Bewältigung heutiger Probleme mehr als relevant.

José Montalvo „Y Olé!“ am 26. November 2016 im Festspielhaus St. Pölten