bayadere1Tandem aus stupender Technik und facettenreicher Personality. Eine Frau zwischen zwei Männern, ein Mann zwischen zwei Frauen. Seit 15. Oktober 2016 ist der 1877 in St. Petersburg von Marius Petipa aus der Taufe gehobene Ballettklassiker „La Bayadère“ zurück im Repertoire des Bayerischen Staatsballetts – exotisch-opulent 1998 vom Japaner Tomio Mohri ausgestattet.

Die überwältigende Kostümpracht war seinerzeit ein Wunsch der Staatsballettgründerin Konstanze Vernon. In ihrem Abschiedsjahr als Direktorin hatte sie den Franzosen Patrice Bart mit der nun erneut über die Bühne funkelnden Neufassung beauftragt. Helle Freude über die kombinationssauber durch den Raum quirlenden Gruppen- und Solo-Variationen, die Bart für die Münchner Wiederaufnahme tanztechnisch aufgefrischt hat. Kommenden Februar werden die Münchner sich mit diesem Werk fünfmal hintereinander auch als Gäste beim Hong Kong Arts Festival zeigen.

In den drei am Wochenende 15./16. Oktober aufeinander folgenden Vorstellungen stachen im „Schattenbild“ drei Ballerinen unter der fein einstudierten Riege von Bayadèren und Begleiterinnen hervor: Mai Kono, Elizaveta Kruteleva und Luiza Bernardes Bertho. Exquisite Linienführung und charismatische Eleganz. Bravo! Den von wilder Virilität überschäumenden Hindu-Tanz führten mit Hollywood tauglicher Speedpower Konstantin Ivkin und Gianmarco Romano mit Partnerin Nicha Rodboon an. Jeder Beinwurf, jedes übermütige Schulterrütteln saß – schon bei der Premiere.
Schade, dass das Bayerische Staatsorchester (Leitung: Michael Schmidtsdorff) die erste Aufführung mit der Generalprobe verwechselte und den Tänzern erst am Folgetag eine zugkräftige Interpretation der eigentlich recht schön auf das Ballett zugeschnittenen Musik von Ludwig Minkus bot. Der Gesamteindruck des Auftakt-Abends zerfiel womöglich deshalb mehr als „premierenbedingt“ in die Bestandteile Tanzdivertissements und dramatisch aufgeladene Handlungspassagen. Klassisch-ungewohnt ist, wenn Gamzatti (figurensicher als Radscha-Tochter und ausdrucksstark: Ivy Amista) ihre Konkurrentin aus Eifersucht zu Boden ringt. Dieser, der Tempeltänzerin Nikija, verlieh Ksenia Ryzhkova vom ersten Augenblick an eine schicksalhaft-tragische Dimension.

Als von den Geschehnissen überrumpelter Krieger Solor debütierte Osiel Gouneo. Die Partie des ständig Unentschlossenen versteht sich (anders als der „Giselle“-Albrecht) nicht unbedingt von selbst. Schlug sich der junge Kubaner bei der Ausführung seiner katzenhaft-leisen und butterweichen Sprungfertigkeiten einfach fantastisch, so fehlte es ihm noch an darstellerischer Profilschärfe. Nichtsdestoweniger versuchte Gouneo – wenn auch zurückhaltend – den inneren Zwiespalt aus Liebe zu Nikija und Pflicht, Gamzatti zu heiraten, sicht- und fühlbar zu machen.

Fulminant ausgestattet mit unglaublichem Timing, emotional impulsiven Gesten, punktgenauen Landungen nach nicht minder atem(be)raubenden Manegen und stets steigernd angelegten Sprungfolgen rückte anschließend Vladimir Shklyarov seinen Solor raffiniert in den Stückmittelpunkt. Maria Shirinkina, entzückende Nikija, hauchte ihrer Märchenfigur glaubhaftes Leben im Spannungsbogen zwischen Glück und Verzweiflung ein. Mit Tatiana Tiliguzova, die in Erscheinung und Anmut sehr an Münchens Uraufführungs-Gamzatti Kusha Alexi erinnerte, war dieses erzählstarke Dreigespann eigentlich keine Nachmittags-, sondern eine Galabesetzung.bayadere2

Zuletzt katapultierte sich Sergei Polunin auf die Bühne und zwischen seine Partnerinnen Ksenia Ryzhkova (Nikija) und Ivy Amista (Gamzatti). Offenbar ohne jegliche Gesamtprobe. Er lieferte zwar spektakuläre Variationen ab, die Interpretation der Geschichte geriet aber nebenher ins Trudeln. Jubelnde Fans verziehen das, belohnt von einem improvisierten Hechtsprung bäuchlings in die Kulissen. Starke Abgänge – selbst wenn so wohl nicht geplant (und von Polunins in dessen zweiter Vorstellung am 29. Oktober sicher anders gelöst) – machen Vorstellungen eben zu einzigartigen Erlebnissen…

Im neuen Bayerischen Staatsballett wird ein Tandem aus stupender Technik und facettenreicher Personality ganz selbstverständlich forciert. Durch zukünftige Neukreationen gilt es, dies weiter zu festigen und zu entwickeln. Nach nur zwei Monaten hat man sich in die Championsleague der großen Ballett-Truppen getanzt. Das deutsche Theatersystem tickt allerdings im Vergleich zu Russland anders. Es verlangt den Chefeinsatz mit Haut und Haar – besonders in Organisation und Verwaltung. Den Tag vor der Wiederaufnahme von „La Bayadère“ ließ Igor Zelensky wissen, dass er fortan ausschließlich für sein bayerisches Ensemble tätig sein wird: „Gemeinsam mit dem neuen Intendanten des Stanislawsky Theaters, Anton Getman, und im Zuge der dortigen Umstrukturierungen, habe ich beschlossen, mich zukünftig mit all meiner Kraft den Aufgaben als Direktor des Bayerischen Staatsballetts zu widmen, die weit über die Zuständigkeiten eines künstlerischen Leiters hinausgehen. Nach fünf erfolgreichen Jahren mit der Moskauer Kompagnie möchte ich nun das hohe Ansehen des Münchner Ensembles weiter steigern." Unerwartet schnell kam diese Zeichen setzende Entscheidung. Sie ist gut und richtig! Als nächste Produktion steht ab 5. November Crankos „Romeo und Julia“ auf dem Programm.

Bayerisches Staatsballett: Wiederaufnahme von Patrice Barts „La Bayadère“ am 15. und 16. Oktober 2016 (3 Vorstellungen) im Nationaltheater München. Weitere Vorstellungen: 29. Oktober 2016, 16. bis 19. Februar 2017 in Hongkong