FauneBerndUhligIn knallig-frischem Pop-Art-Ambiente räkeln sich sinnlich verspielte Faune, umkreisen und verführen einander. Das dreiteilige „Sacre“ von Sasha Waltz im Festspielhaus St. Pölten – begleitet von einem famosen Tonkünstler-Orchester Niederösterreich unter Titus Engel – beginnt mit Claude Debussys „L´Apres-midi d´un faune“. Es folgen eine zauberhafte „Scene d`amour“ aus „Romeo et Juliette“ und ein fulminantes „Le Sacre du Printemps“.

Lüsterner Faun. Zu den Klängen von Claude Debussys sinfonischer Dichtung „L`Apres-midi d`un faune“ leuchtet der Bühnenhintergrund in Neon, Gelb, Orange und in grüner Farbe, während sich Faune orgiastisch liebkosen oder wie Statuen erstarren. Es wechseln Synchronizität und anarchisches Chaos, wenn etwa moderne Faune zu einem Strauß bunter Blumen zusammenwachsen und sich hemmungslos dem Liebestaumel hingeben. Die elf Tänzer und Tänzerinnen stecken in farbenfrohen, sportlichen Trikots, ihre Bewegungen sind getränkt von satter, sinnlicher Leidenschaft.


SacreSceneBerndUhligRomantisch-zartes Liebesballett. Zu Hector Berlioz dramatische Sinfonie „Scène d`amour“ aus „Roméo et Juliette“ choreografiert Sasha Waltz - die kürzlich unter Protesten des Ensembles an die Spitze des Berliner Staatsballetts berufenen wurde - einen zauberhaften, romantisch-zarten, von Sehnsucht getragenen Pas de deux. Die Tänzerin Lorena Justribo Manion und der Tänzer Ygal Tsur spielen mit klassischem Ballett-Vokabular, wenn sie das berühmte Liebespaar Romeo und Julia in seidig zartem Outfit interpretieren. Mit bloßen Füßen hebt Julia Romeos von sich gestreckte Arme vom Boden, sie sinken, ohne weitere Berührung durch die Liebste, kraftlos weich zurück. Wenn Julia träumerisch über Romeos Kopf steigt, wickelt er seinen Körper um ihre Beine. Liebe bei Sasha Waltz ist auch ein Balance-Akt, ein Streben in luftige Höhe, ein Fallen in die Arme des Anderen. Als seine Liebste verschwindet, bleibt Romeo alleine auf der Bühne zurück, in der Bühnenmitte rollt er sich zusammen, bis Dunkelheit ihn umhüllt.

SacreBerndUhligSacre - nebelverhangener, erdiger Ritus. In der Bühnenmitte fangen sich die Nebelschwaden. Seitlich tauchen, in Grau- und Brauntöne gekleidete Tänzer und Tänzerinnen aus der unheimlichen Düsternis auf. Sie blicken auf ein sich am Boden wälzendes Paar und eine einzelne Tänzerin, deren Kleid aus der düsteren Atmosphäre heller herausblitzt. Zur eindrucksvollen Musik von Igor Strawinskis „Le Sacre du Printemps“ formieren sich Tänzer um einen Aschehaufen, im Zentrum der Bühne. Das Ballett handelt von einem heidnischen Opferritus, der dem Frühlingsgott eine Jungfrau zur Versöhnung bietet. Sasha Waltz lässt ihre Tänzer archaische Stammesrituale durchlaufen, auch christliche Symboliken, wie in die Lüfte gehobene, gekreuzigte Frauen, bestimmen die Szene. Wunderbar die Momente, wenn der Atem des Ensembles einzig die  Atmosphäre bestimmt: Stöhnend entkleiden sich die Tänzer und Tänzerinnen und wälzen sich aufeinander. Am Ende dieser kollektiven Orgie strecken sie sich im Kreis aus. Als alle liegen, setzt wieder die Musik ein. Das Frühlingsopfer ist auserkoren, als eine Frau in purpurnem Kleid von Frauen vor sich her getrieben und in die Mitte gestoßen wird.

Sasha Waltz beeindruckender Abend, den sie unter den Titel „Sacre“ gestellt hat, besticht durch die Vielfalt in seinen voneinander unabhängigen Teilen: Part 1 ist durchtränkt von farbenfroher, satter Sinnlichkeit, der zweite Teil voll zarter, romantischer Liebessehnsucht und das finale, titelgebende „Sacre“ ist von archaischer, leidenschaftlich-wilder Hingabe an Ritus und Kult getragen.

Sasha Waltz „Sacre“, Festspielhaus St. Pölten, 24. September 2016