LezardsBleusFür alle die, die schon neun Tage lang immer wieder staun(t)en. Und für all jene, die auf erdig-handfeste „Straße“ pochen – aber dann doch ebenfalls staunen, sehr sogar. Schließlich gibt es bekanntlich ja auch Luftwege … Dass das Festival La Strada eine große Variationsbreite auch im Straßentheater-Bereich anbietet, das ist nach all dem, was ansonsten bisher geschah, hingegen gar nicht erstaunlich.

Freilich, um in Sache „Höhenflüge“ korrekt zu bleiben, ist im Falle Joan Catalàs (Spanien) und seiner Präsentation „Pelat“ das Bodenprogramm nicht nur viel länger, sondern auch fundierter. Allein schon, weil es unterstützt bzw. „getragen“ ist von einem massiven Baumstamm, wobei dieser Star der Performance wiederum selbst getragen wird: auf und von Schultern. Um ebendort gedreht und gewendet, versetzt und gewirbelt sowie in diversen Stellungen seines Trägers balanciert wird; in bester Tanz-, Theater und Zirkus-Tradition und vor allem mit hochkonzentriert-ernster Leichtigkeit, mit humorvoller Selbstverständlichkeit. Da will man gar nicht mehr. Und doch integriert er nebenbei und sehr beeindruckend Schritt um Schritt Menschen aus dem Publikum, bis diese schlussendlich und völlig selbstverständlich, sein, Joan Catalàs, erfolgreiches Tun in der Hand haben: Wenn er auf den aufgestellten, von den spontan ausgewählten Zusehern mittels Seilen gehaltenen Baumstamm klettert. Kluge Aufteilung von Kompetenzen nennt man so etwas. Oder auch: herzerwärmende Effektivität eines durchdachten Miteinanders – dank künstlerischer Aufbereitung und ebensolchem Feingefühl.Catalas

Anders ist es um Antoine Le Menestrel (Compagnie Lézards Bleus) und seine Inszenierung „Geld oder Leben“ bestellt, gilt der Franzose doch nicht zufällig als „Artist der Höhe“: Und so erklimmt er denn auch, jede Geste, jeden Schritt und Tritt gleichermaßen wohlgesetzt wie choreographiert, mit der Alltäglichkeit eines Spaziergängers – manchmal scherzend, manchmal das „naive“ Publikum erschreckend – das Dach des Joanneums. Dass dort oben ein großer Geldschein winkt, gibt der be- und erstaunenswerteren, katzenartigen Körperbeherrschung und seinem atemberaubenden ganz allgemeinTun auch eine thematische Tiefe: Wie viel kann man, soll man und muss man wofür riskieren? Weht über jedem und allem dominierend das Geld? Und andere Fragen mehr, die man sich stellen kann oder auch nicht angesichts dieses – in Einzelheiten vielleicht etwas „überchoreographierten“ – außergewöhnlichen Schauspiels.

TranseexpressDass das Finale einer großen Veranstaltung von abgehobener Qualität zu sein versucht, ist das eine; dass es sich bei der Produktion „Mù“ der französischen Künstler von „Transe Express“ tatsächlich zum Großteil um Bewegungskompositionen in luftigster Höhe handelt - die Musiker, auf ihren Hebebühnen bewegt, inbegriffen - das andere. Naheliegend, dass es letztlich die Akrobaten in und auf der „Riesenkrake“ sind, die über den Freiheitsplatz schweben, bzw. auf ihrer Reise von der Erde zum Mond den Gefahren, die vom Boden kommen, mehr oder weniger erfolgreich trotzen lässt. Man kann den einfachen Plot als kleines Märchen oder auch Metapher begreifen oder aber die fast einstündigen „Vorgänge“ als durchaus ungewöhnliches, in seiner Art der Überdimensionalität als packendes Spektakel bewundern. Als Ballett angekündigt ist man freilich wesentlich auf den, in seiner Umsetzungsweise zweifellos faszinierenden „Tanz der Maschine“ hoch über den Köpfen konzentriert, da das waghalsige Tun der Menschen in den Lüften zumeist nur als sekundärer Blickfang in Erscheinung tritt (hellglitzernde Kostüme könnten dem vielleicht Abhilfe leisten). Und wenn da von Poesie gesprochen wird, so ist diese in ihrer gezwungenermaßen groben Zeichnung nicht unbedingt von hohem Anspruch oder erschöpft sich dann doch auch in mehr oder weniger starken Wiederholungen. Die Verbindung der netten, leuchtenden Wasserwesen und vergleichsweise einfachen (teilweise etwas einfallslosen) Stabfiguren am Boden, die in ihrer Beweglichkeit naturgemäß sehr eingeschränkt sind, mit dem „fliegenden außerirdischen Geschöpf“ hinkt ein wenig und gerät am ehesten durch die Eroberung der „Außerirdischen“ durch den mutigen „Erdgeist“ ins irgendwie doch ein wenig Packende. So manchem hat es gut gefallen, weitgehend unvergesslich wird es sicherlich allen der zahlreichen Anwesenden bleiben.

La Strada Graz: Joan Català: „Pelat“ am 2. August auf dem Mariahilferplatz; Antoine Le Menestre, Compagnie Lézards Bleus: „Geld oder Leben“ am 6. August im Joanneumsviertel; Transe Express : „Mù, cinematique des fluides“ am 6. August auf dem Freiheitsplatz

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