harwoodWenn der weitläufige, eher strenge Vorplatz zum Theater im Palais der Kunstuniversität in Graz sich mit Menschen und Gemurmel füllt, kommt sommerliche Leichtigkeit, kommt Bewegung auf; und genau das, Bewegung, das Wissen darum und die Freude daran, ist es, was Bühnenwerkstatt und Internationale Tanztheaterfestival anregen und vermitteln wollen – seit nunmehr 25 Jahren. Bei der Programmgestaltung war man in diesem Jahr besonders bemüht gewesen, eine breite Palette des Genres abzudecken, was grundsätzlich gelang.

Traditionellerweise eröffnet mit einer Vorstellungsrunde der Dozenten – ergänzt von einigen Anwesenden durch kleine Darbietungen bzw. Statements zu ihrer Arbeitsweise - sowie mit Werkausschnitten der an mehreren Abenden dargebotenen Produktionen: ein informativer, anregender und locker aufbereitete Einblick in das Kommende. Zum Abschluss waren „Getanzte Bilder im Open Space“, Elio Gervasis „conseQUENCE“ zu sehen und dabei lief leider nicht alles so, wie beabsichtigt - bestätigt nicht nur vom Choreographen selbst, sondern auch von begeisterten Zuseher der zweiten Aufführung am Dienstag: einerseits, weil die Akteure auf dem zweifellos nicht einfach zu bespielenden Betonplatz noch nicht wirklich angekommen waren, und andererseits und vor allem, weil aufgrund der vorgerückten Stunde kurzfristig eine Kurzfassung angeordnet wurde; ein im Grunde nicht sehr professionelles Ansinnen an die KünstlerInnen. So zerfielen auch die thematischen Strukturen des Gezeigten, löste sich die Dramaturgie weitgehend in ein Nichts auf. Die Darbietungen der Tänzerinnen ließen zwar in einzelnen kurzen Szenen Qualität ahnen, aber nicht mehr; was mit dem Wissen um die Tatsache , dass es sich ja auch erst um ein „Work in Progress“ handelt (nirgendwo als solches ausgewiesen), nicht verwundert.moeundloli

Der Montagabend bot eine „Interaktiven Performance“, die allerdings besser „spartenübergreifend“ zu benennen gewesen wäre: Eröffnete sich doch zwischen dem Agieren Luise Kloos‘, die als Bildende Künstler auftrat, und Astrid Seidler (Tanz), keine nachvollziehbare Form der Interaktion. Und da beim jeweiligen, wenn auch von Kloos sehr konzentriertem Tun, nichts an Greifbarem von (besonders von Kloos) erwarteter Qualität sich vermittelte, entstand auch kaum etwas, was das Publikum erreichte. „Farbenrausch“ , so der Titel, der sich in schwarzen Linien und Punkten sowie in Bewegung, die weder „Entladung“ noch „Befreiung“ nachfühlen ließ, manifestierte; das Gemeinsam ließ schließlich nur mehr über die Intention der von der Tänzerin oftmals wiederholten Aufforderung „Berühr mich“ nachdenken.

Der in Form zweier Programmpunkte präsentierte kleine Schwerpunkt „Tanztheater für alle im speziellen für Kinder“ entsprach dem so Definierten nur in einem Fall. Zu simpel und grobmaschig gestrickt präsentiert die Cie. Ella ihr „Ella in der Zwischenwelt“, als dass sich „alle“ verzaubern ließen; die Kinder waren allerdings weitgehend aufmerksam und vergnügten sich insbesondere anschließend auf der Bühne. Tatsächlich (auch Erwachsene) bezaubernd: „Die Abenteuer von Moe und Loli“. Das ist Kinderprogramm vom Feinsten: Wenn Moral zurückgenommen oder nur um die Ecke daherkommt, während sich darstellerisches und tänzerisches Können (erfreulicherweise) ganz und gar nicht verstecken oder gar „zu verstecken“ brauchen: durch Charme, Witz und Schwung berühren und begeistern Jessica Moretto, Clarissa Teixeira und Lisa MacGuire mit ihrer Geschichte um die Unsinnigkeit von Streit und Kampf.

kosovoAls Höhepunkt angekündigt: „Romeo and Juliet – love waits forever“ , eine Choreographie Darrel Toulons, des langjährigen Ballett-Direktors der Oper Graz, getanzt vom National Ballet of Kosovo. Erste Ideen zu dieser Choreographie entstanden 2014 bei der Erarbeitung von „Your Stories, My Story“ mit diesen TänzerInnen. Diese, ihre und andere unmittelbare persönliche Geschichten fließen in diesem neuen Projekt zusammen, in der Metapher der großen Liebesgeschichte, die für Macht, Gewalt und Liebe steht. Die Herausforderung einer choreographischen Umsetzung besteht hier im Nebeneinander der „realen“ Geschichte und ihrer Abstraktion, in ihrer Bekanntheit und hoch aufgeladenen Emotionalität und damit zur Nähe von Klischees. Einen ausgezeichneten Weg zu einer relativen Brechung des strapazierten Themas fand Toulon in der Wahl und im Einsatz der Musik: geschrieben von Gabriel Prokofiev, dem Enkel von Sergej, und dem jungen Kosovaren Donika Rudi, von dem zwei Kompositionen stammen. Die Wahl seiner beiden Solisten, Teuta Krasniqi (Julia) und Fatmir Smani (Romeo), war ebenso eine sehr gelungene: Von technisch hoher Qualität konnten sie in Präsenz und Ausdruckskraft immer wieder berühren; das eine und andere Mal, was vor allem für Krasniqi gilt, wurde allerdings im Nebeneinander von tänzerischer Expression und Mimik zu dick aufgetragen und damit die Tiefenwirkung zerstört. Dies gilt auch für einige „große“ Szenen, in denen die Quantität über der Qualität lag, das Simple über Feinsinnigem, Kreativem. Beeindruckend nichtsdestotrotz Krasniqis tänzerische Stärken im Pas de Deux nach Romeos Totschlag oder insbesondere ihr Solo gegen Ende. Begeisternd und berührend etwa die expressiven, variierten Wiederholungen der Cie mit Bilderrahmen.

Andrew Haarwood und Ray Chung in: „Time is a Membran“. Das ist Improvisation der Spitzenklasse oder ausholender formuliert: Der fein strukturierte, ruhige Fluss dynamischer Spontanität im empathisch-spielerischen Miteinander und aufmerksamkeitsgetragenen Solo. Hier, beim Zusehen, Erleben dieser beiden Künstler, passiert, was Tanz-Skeptikern öfter geschehen sollte: die Frage des Verstehens stellt sich nicht, der Intellekt zieht sich zurück - man sieht, staunt, empfindet und genießt.
Dass einem (auch anderswo) der Mund offen bleibt, geschieht dort nicht nur aus Solidarität zu den Fischen, sondern vielmehr, weil in diesem Duo, „think fish“ … or variations on a basic theme.“ (Konzept und Choreografie: Helene Weinzierl) performatives Können einfach so daher sprudelt, weil alles so ganz anders ist als schon gehabt oder gar erwartet: Weil, wie die „Moderatorin-Performerin“ (Viviana Escalé) gleich anfangs erklärt, sie diese intellektuellen Performances hasse. Also ist’s absurd - in amüsant locker überraschender, irrwitziger Qualität. Da passiert einmal Interaktion mit dem Publikum in tatsächlich stimmiger Weise; und da geht’s gleichzeitig in ziemliche Tiefen hoffnungslos verrannter Kommunikation (un-intellektuell, wohlgemerkt). Ein Kleinod.thinkfish

Eines der ganz anderen Art wiewohl zum gleichen Thema, den Tücken der Kommunikation, boten Challyce Brogdon und Xianghui Zeng in ihren „Short Stories“. Facetten der Emotionalität ergießen sich über die Bühne, schlängeln sich auf dieser, erobern sie im Sprung aber auch im (fast) Stillstand, wenn, nach rasantem Wechsel der (Tanz)Stile, das Darstellerische kurz dominiert. Wenn Präsentation von außerordentlichem (tanz-) technischem Können nur immer so mitreißend unterhaltsam, so lustvoll und doch auch mit augenzwinkerndem Tiefgang vermittelt würden!

Der das Festival abschließende Programmpunkt am Samstag bot nicht ein vielleicht (naheliegenderweise) „entspannendes“, leichtfüßig-lockeres Ausklingen. Aber wer Tomas Danielis kennt, erwartete das auch nicht. Denn dass er „ein Anderer“ ist, das wird, wenn es noch nicht bekannt sein sollte, so doch immer wieder demonstrativ von diesem gezeigt und bewiesen. Einer, der kann, aber vor allem tut, was er will, weil er es so empfindet. Diese Authentizität, die bei der Produktion „Suite“ zum Teil mit besonderer Kraft über die Bühne kommt, erreicht nicht jeden (immer wieder einmal öffnete sich leise eine Tür für einen „Enteilenden“), aber wenn doch, so war da immer wieder ein sehr ungewöhnlicher, sehr neuer, sehr sensibler Zugang zu Bachs Musik zu erleben: Im trotzigen Protest gegen diese, in Auflehnung gegen ihre Unbegreiflichkeit, ihre Unerreichbarkeit, aber auch in den Augenblicken des Ihr-ganz-nah-Seins – Dank eines Körpers im mentalen Volleinsatz. Und wenn in der Enttäuschung ob der Unmöglichkeit einer tänzerischen Übersetzung das Publikum als „Watschenmann“ herhalten muss, dann hat dies bei allen selbstherrlichen Provokations-Ansätzen etwas sympathisch Menschliches – einen Aspekt also auf dem weiten Feld zeitgenössischen Tanzes, der in diesen 7 Tagen im breitgefächerten Angebot erlebt werden konnte.
 
Internationale Bühnenwerkstatt und Tanztheaterfestival Graz, 9. bis 17. Juli 2016