bayernBauschNoch einmal tobten sie – mal barfuß, mal in abendfeinem Schuhwerk, auf Skateboard und Bürohocker oder die Beine voran auf ihren Allerwertesten, kollektiv musikberauscht – durch Peter Pabsts lichten Spielpalast: „Für die Kinder von gestern, heute und morgen“ ist gewiss nicht Pina Bauschs bestes Stück. Doch über 10 Vorstellungen hinweg haben sich die 15 Tänzerinnen und Tänzer des Bayerischen Staatsballetts die im strengen Probenprozess anvertrauten Wuppertaler Tanztheater-Rollen so richtig zu eigen gemacht.

Die Produktion war nun zu Saisonschluss integraler Bestandteil der Münchner Opernfestspiele. Ein fetziges Fest für die Fans und ein Schocker für die unvorbereiteten Sommergäste, die sich von ihrem Gang ins Nationaltheater einen durchweg schön getanzten Ballettabend erwarteten. Doch dann: Wie elektrisiert performen hier die Frauen, ihre offenen Haare wild verwirbelt im Gesicht. Auch die Körpersprache der Männer sprudelt vor selbstbewusst-forschem Übermut. Als gegen Ende rockiger Sound aus den Boxen röhrt, nehmen dies einige zum Anlass, den Saal zu verlassen. Der Rest verbleibt, geteilt zwischen Ratlosigkeit (vielleicht müsste man im Programmheft nachlesen, was das im Einzelnen soll?) und Begeisterung.

Die Konventionen der Tanzklassik vergessend, lassen die Interpreten mit kindisch- überschwänglicher Allüre ihren Gefühlen freien Lauf. Trauen es sich nunmehr zu, jeden Auftritt, jede Szene rückhaltlos auszukosten. Was dem Abend insgesamt ein ausgewogeneres Tempo und den Sprechpassagen die gewisse Prise mehr Pfiff verschafft. Spontaner und ironisch-klarer wirken jetzt selbst die provokanteren Passagen, in denen beispielsweise der Anblick eines sexy-blumigen Bustiers nicht etwa eine Umarmung, sondern das gezielte Bespucken der bunten Blüten mit Wasser nach sich zieht. Das Münchner Bausch-Experiment wird in der Ballettwelt bestimmt Folgen haben!liska lacarra

Nach drei Stunden hingebungsvoller Verausgabung dankten die Zuschauer ihrem Staatsballett mit tosendem Applaus. Glücklich jedoch strahlte am Ende nur noch einer: Ballettchef Ivan Liška. Zwar fand der sonst gern so beredte Intendant Nikolaus Bachler nach dem Besuch der ausverkauften Dernière nur knappe Worte, um ihn aus dem Amt des Ballettdirektors zu verabschieden. Staatsminister Dr. Ludwig Spaenle hielt ein klein wenig ausführlicher mit dem Dank für eine Ära (Nymphenburger Porzellanlöwe als Abschiedsgeschenk) und dem Hinweis dagegen, man würde sich ja nicht ganz aus den Augen verlieren. Schließlich wird Liška sich fortan intensiv um den Tanznachwuchs kümmern.

Zuvor widmete Ivan Liška seine letzte Amtshandlung den Tänzern Joana de Andrade, Léonard Engel, Daria Sukhorukova, Shawn Throop und Zuzana Zahradniková. Gemeinsam mit ihren Kollegen sahen sie – statt wie zwei Tage zuvor noch im Applausglück zu baden – am Ende mit dicken Tränen in den Augen ziemlich mitgenommen aus. Scheiden tut, liebt man Job, Haus und Ensemble, definitiv weh! Weniger emotional durch die Aufführung aufgewühlt, gesellten sich noch Katherina Markowskaja und Maxim Chashchegorov in Alltagkleidung hinzu. Auf der Bühne wurden Abgänger und Blumensträuße ans Herz gedrückt, während man im Zuschauerraum die Vornamen aller Nicht-Verlängerten auf Bannern über die Balustrade der Proszeniumslogen entrollte. Die Ära Liška ist vorbei.

Bayerisches Staatsballett: „Für die Kinder von gestern, heute und morgen“ am 29. Juni im Rahmen der Opernfestspiele Nationaltheater München