Sentieri iconAuch die sechste Ausgabe der Saisonabschlussgala des Wiener Staatsballetts zeigte wieder fulminante Klassik. Das Augenmerk lag aber auf Arbeiten junger Nachwuchschoreografen wie Philippe Krantz, Edwaard Liang und vor allem Daniel Proietto, die – zusammen mit Stücken von Preljocaj und Neumeier – eine breite Palette aktueller choreografischer Spielarten mit unterschiedlichen stilistischen Ansätzen bot. 

Der Höhepunkt kam am Ende des zweiten Teils mit Daniel Proiettos multimedialer Auseinandersetzung mit dem Sterbenden Schwan: „Cygne“. Die Szene selbst – die Tänzerin (wunderbar: Ketevan Papava) im Pavlova-Look hinter einem schwarzen Screen – wirkt wie ein Stummfilm zur Entstehungszeit der Fokine-Choreografie. Darüber blendet Proietto Bilder der Tänzerin in Großaufnahme in einer Art 3D-Animation ein (Video: Yaniv Cohen). Die Bewegungen aus dem Original sind erkennbar, auch wenn sie nicht „wörtlich“ übernommen werden. Die atmosphärische Musik stammt von Olga Wojciechowska. Das Solo wird in eine Rahmenhandlung eingebettet: Ein Kind, dessen Gesicht zu Beginn das Bild des Schwans überdeckt, kommt im letzten Teil auf die Bühne, quasi als Sterbebegleiter des sterbenden Tieres. Berührend und packend. Da freut man sich auf die nächste Arbeit von Proietto, die er am 1. November mit dem Wiener Staatsballett zur Uraufführung bringen wird. Auch in „Blanc“ wird er sich mit dem „weißen Ballett“ beschäftigen.cygne

„SENTieri“ nennt Philippe Kratz seine Choreografie, von der ein Ausschnitt zu Chopins „Berceuse“ zu sehen war. Alice Firenze, Masayu Kimoto und Eno Peci verkörperten einfühlsam die Stimmung dieser Arbeit, in der die drei durch verstrickte Handgestik und Berührungen Verbindungen und gegenseitige Unterstützungen aufzubauen suchen, die dann aber wieder wie ein Traum vergehen, wenn etwa einer der drei Tänzer in den Hintergrund tritt.

Dass Nina Poláková und Roman Lazik besonders im modernen Fach ein Dreamteam sind, bestätigten sie auch an diesem Abend wieder. In „Distant Cries“ von Edwaard Liang, einem Pas de deux, zu Musik von Albinoni brachten sie den sinnlichen Gehalt dieser rätselhaften Choreografie zwischen Annäherung und Bedrohung im neoklassischen Stil mit waghalsigen Hebungen großartig zum Ausdruck. Schön, dass auch Edwaard Liang neben Proietto im Premierenprogramm am 1. November vertreten ist.

distantcriesNicht weniger risikoreich agierten zuvor Ballettchef Manuel Legris und seine langjährige Kollegin an der Pariser Oper, Isabelle Guérin, in einem Ausschnitt aus „Le Parc“, einer Choreografie in der sich Angelin Preljocaj mit den Auswirkungen auf die Sexualität nach AIDS beschäftigt. Das Adagio aus Mozarts Klavierkonzert Nr. 23 (gespielt von Shino Takizawa) untermalt die  leidenschaftliche Annäherung der beiden zueinander, bis sie von ihrem Verlangen überwältigt werden. Doch was ist danach? Nicht von Ungefähr ist dieses choreografisch schonungslose wie gesellschaftlich brisante Stück aus dem Jahr 1994 im Repertoire einiger Ballettcompagnien. Vielleicht in Zukunft auch in Wien?

Bemerkenswert an diesem Abend war sicher auch das Duo aus dem Abendfüller „Illusionen wie Schwanensee“ von John Neumeier, überaus beseelt getanzt von den Solisten des Hamburg Ballett Hélène Bouchet und Carsten Jung (der erst im Mai in den „Shakespeare Dances“ im Theater an der Wien zu erleben war). Auch aus dem Zusammenhang gerissen, wird in diesem Pas de deux das angespannte Konfliktpotenzial in der Person des Königs und seiner Beziehung zu Prinzessin Natalie spürbar.

In der sechsten Ausgabe der Nurejew-Gala fiel es schon schwer, einen direkten Zusammenhang mit dem Patron und Namensgebers des Abend herzustellen. Heuer gelang das mit einem Ausschnitt aus „Manfred“, einer Auseinandersetzung des Choreografen Rudolf Nurejew mit Lord Byron zu Musik von Tschaikowski. Dieses expressive Solo, getanzt vom Pariser Étoile Mathias Heymann, machte zwar die (unnötig?) vertrackten Schrittarrangements sichtbar, verfehlte jedoch – als allein stehendes Fragment – weitgehend seinen emotionalen Impakt.illusionen

Auch wenn die erwähnten Stücke die Qualität des Abends bestimmten, so wurde doch die meiste Zeit – wie es sich für eine Gala auch gehört – mit aufputschendem klassischen Bravour getanzt. Etwa in der konventionellen Choreografie von Jerome Robbins „The Four Seasons“ mit beachtlichen solistischen Leistungen etwa von Nina Tonoli oder von Davide Dado, der auch in Balanchines „Tarantella“ mit der temperamentvollen Nikisha Fogo für ausgelassene Stimmung sorgte. Die Gäste aus Paris, Myriam Ould-Braham und Mathias Heyman, gaben ihre Visitenkarte in „La Fille mal gardée“ ab. Andrej Kaydanovskiy outrierte als Witwe Simone und tanzte diesmal den Holzschuhtanz mit gehöriger Übertreibung der Travestie-Rolle.

Eingerahmt wurde diese Gala von Manuel Legris’ Inszenierung von „Le Corsaire“ für das Wiener Staatsballett. Im Trio odalisques nahm Prisca Zeisel Abschied von Wien, sie wird ab nächster Saison im Münchner Staatsballett unter der Leitung von Igor Zelensky tanzen. Das präzise getanzte Trio mit Natascha Mair und Anita Manolova bereitete die Stimmung für diesen Abend, der eben nicht nur auf Virtuosität sondern auch auf choreografischen Content setzte.

Corsaire2Bravour gab es aber dann doch noch im abschließenden ersten Akt von „Le Corsaire“ mit einem weiteren Abschied von Kirill Kourlaev, der als Laquedem seinen definitiv letzten Auftritt an der Wiener Staatsoper hatte. Von den Solisten konnten außerdem Masayu Kimoto und Ioanna Avraam als Birbanto und Zulméa  besonder überzeugen. Die beiden Frauenrollen Médora und Gulnare wurden von Olga Esina und Kiyoka Hashimoto technisch souverän, aber unterkühlt getanzt. Vladimir Shishov agierte als Conrad kraftvoll, aber ohne Eleganz.

Dennoch: Publikumsjubel für eine gleichzeitig anspruchsvolle und unterhaltsame Gala, die auch musikalisch zu einem Fest wurde. Das Orchester der Wiener Staatsboper spielte das vielfältige Repertoire unter der Leitung von Valery Ovsianikov.

Die Leistungen in dieser Saison wurden im Anschluss an die Gala mit zahlreichen Avancements belohnt. Zu Halbsolisten stiegen die aus Rumänien stammende Laura Nistor, der Brite James Stephens, der in Macau geborene und in Portugal aufgewachsene Leonardo Basílio, der Italiener Francesco Costa und der belgische Tänzer Géraud Wielick auf.Corsaire

Solistinnen dürfen sich ab gestern die Belgierin Nina Tonoli, die Wienerin Natascha Mair und die aus Schweden stammende Nikisha Fogo nennen. Der Corps-Tänzer Jakob Feyferlik übersprang mit seiner Ernennung zum Solotänzer sogar eine Stufe in der strengen Balletthierarchie.

Sie alle haben beim Publikum bereits nachhaltige Eindrücke hinterlassen und auch wir von tanz.at freuen uns, die jungen Tänzerinnen und Tänzer auf ihrem weiteren Karriereweg begleiten zu dürfen. Herzliche Gratulation an alle!

Wiener Staatsballett: Nurejew Gala 2016 am 26. Juni in der Wiener Staatsoper