passenger1Highway in den Theaterhimmel. Drei ehemalige Profis als AllStars des Bayerischen Staatsballetts: Zum Ausklang der längsten Münchner BallettFestwochen seit je kehrten Kammertänzerin Judith Turos (57), der als Charakterrolleninterpret immer noch aktive Peter Jolesch (66) und Tanzchef Ivan Liška (66) für eine Uraufführungsproduktion auf die Bühne zurück. Ganz fokussiert auf ihre kinetisch sauber und scharflinig in den Raum gezeichneten Bewegungen.

Alle Akzente, Schwünge der Arme und Beine sowie die Beschleunigung aus Posen heraus kommen punktgenau. Nur inhaltlich entwickelt sich wenig in Simone Sandronis 25-minütigem Stück „The Passenger“.

Choreografisch lässt er das Trio zu verschlissenem Elektrobeat von Alva Noto und Ryuichi Sakamoto entschlossen auf- und abtreten, dynamisch in kurzen Schrittkombinationen über wechselnde Bodenlichtmuster hinwegtanzen, später sich Hände haltend umschlingern. Immer wieder wird neu angesetzt und nicht zuletzt in Passagen, wo die Dame zwischen den Männern hin und her kippt, der Eindruck erweckt, als werde Erinnerung an Vergangenes abgespult.

Wanderschaft ist Sandronis Idee. Im Fall der drei Profisenioren eine (Lebens-)Reise, in der zwei Generationen sich für ein freundschaftlich-flüchtiges Miteinander begegnen. Der Übergang von einem Stadium in ein anderes. Erst mustert man sich, dann streckt man sich auffordernd die Arme zu. Den Kick – auch zu den groovigen Party-Outfits von Susanne Stehle für die zehn mitwirkenden Staatsballetttänzer – gab der titelgebende, 1977 veröffentlichte Song des Punkrockers Iggy Pop. In moderater Lautstärke begleitet dessen Refrain „La-la“, wie Jung und Alt in ein Miteinander finden. Turos, Jolesch und Liška überlassen dann aber – unauffällig – den fünf drahtigen Paaren das Feld zum Abtanzen …passenger2

Den eigentlichen Anlass für seine dritte Zusammenarbeit mit dem Ensemble hält Sandroni (seit dieser Spielzeit selbst Leiter der Tanzsparte am Bielefelder Theater) bis zuletzt zurück. Als sich am Ende die gesamte Crew zu einem stylishen Gruppenfoto postiert, schenkt er dem scheidenden Kompaniechef Liška den ultimativen Abgang: an Seilen direkt hinauf in den Theaterhimmel, eine Seifenblasenmaschine in Händen. Dass auf diese Hommage viel Applaus folgte, war klar. Denn das Gros des Publikums mag gekommen sein, um seine alten Lieblinge noch einmal in Aktion zu sehen.

Überraschung: Den mit 5.000 € dotierten Irène-Lejeune-Ballettpreis erhielt im Anschluss der seit bald 50 Jahren auf der Ballettbühne präsente und in seiner Funktion als Direktionsassistent seit 2005 auch hinter den Kulissen tatkräftig engagierte Peter Jolesch. Eine schöne Geste der „Botschafterin des Bayerischen Staatsballetts“ Dr. h.c. Irène Lejeune, die einhellige Zustimmung fand. Beklatschen ließ sich der bescheidene Jolesch lieber für seinen getanzten Part. Von den Kollegen gab’s deshalb einen Schubs Richtung Rampe.

Mit dem Gastspiel der Gruppe DanceWorks Chicago bekamen die Zuschauer am ersten Aufführungsabend vorneweg sechs gut einstudierte, kurzweilige Tanzhappen serviert. Da floss modernes Tanzvokabular um Stühle, irritierte das Solo einer Frau, regelte Gershwins Musik den Zoff eines Paares, tauschten zwei Männer in einem Duett Empathie für ein- und dieselben Empfindungen aus. Spritzig-witzig wie frisch eingeschenkter Champagner jazzte sich das unermüdliche Sextett durch eine Jamsession von Louis Armstrong und verabschiedete sich mit einem klar gereihten Sprint, ganz zeitgemäß im Duktus, zu Musik von Julia Wolfe. Dance light, ganz amerikanisch.

Repertoiresicher setzten einen Tag später die Junioren des Bayerischen Staatsballetts II dagegen – mit Hans van Manens formvollendet explosivem „Concertante“ (Musik: Frank Martin) für vier weibliche und vier männliche, charakterlich unterschiedliche Tänzer. Sie wiederholten das im Rahmen der Bosl-Matinee am 10.4. erstmals aufgeführte, sich emotional über drei Paare steigernde „Three Loves“ der Israelin Maria Barrios (Musik: Rachmaninoff). Und sie bewiesen mit Richard Siegals „The New 45“ ein großartiges Brio auch für das Humorig-Legere. Wenn das mal kein Aushängeschild ist!

Bayerisches Staatsballett: „The Passenger“, Uraufführung am 15. April im Prinzregententheater im Rahmen der Münchner BallettFestwochen, zweite Vorstellung: 16. April. Letzte Vorstellung am 18. April mit der Junior Company des Het Nationale Ballet