Schwanensee linz2„Dort, wo wir nicht sind“ untertitelt die Linzer Ballettchefin ihren „Schwanensee“, bei dem die Schwäne nicht handelnde Personen sind sondern als Metapher für gute und schlechte Einflüsse im Leben des Komponisten agieren. Dieses versucht Mei Hong Lin mittels tanztheatraler Gestik nachzuzeichnen. Der Erfolg kann gar nicht ausbleiben: Denn da ist einerseits die unsterbliche Musik von Peter I. Tschaikowski und andererseits eine prächtige Inszenierung.

Das Linzer Musiktheater verfügt über eine traumhafte Akustik. Die Töne, die aus dem Orchestergraben aufsteigen, verzaubern. Ingo Ingensand leitet das Bruckner Orchester Linz mit großer Musikalität (auch wenn es handlungsbedingt den einen oder anderen kruden Schnitt in der Partitur gibt) und teilweise mit – für das ballettgewöhnte Ohr – ungewohnter Phrasierung. Doch bei Mei Hong Lins Choreografie darf sich der Dirigent solche Freiheit nehmen, denn hier geht es nicht um schrittgenaue Interpretation von Musik, um Virtuosität oder klassische Schönheitsideale, sondern um die Psyche, und zwar jener des musikalischen Schöpfers. Dass Tschaikowski eine starke Mutterbindung hatte, dass seine Homosexualität konfliktbeladen war, dass er zu Depressionen neigte – das alles ist hinlänglich bekannt. Auch Mei Hong Lin fügt dem nichts hinzu – außer der Schwäne: die weißen, die für ihn Trost und Schutz bedeuten – der Hauptschwan ist natürlich ein Mann –, der schwarze in Person seiner Angetrauten Antonina, die den sterbenden Tschaikowski in dreifacher Ausfertigung heimsuchen wird. Das ist alles sehr einfach gestrickt und erinnert an eine tanztheatralische Versuchsanordnung der 1980er Jahre. Die Seelequalen der handelnden Personen werden nicht nur mit pantomimischer Gestik und vielen „contractions“ sondern auch lautmalerisch ausgedrückt: es wird gestöhnt, geweint, geschrien, geächzt. Schwanensee linz3

Doch derartige Gefühlsausbrüche sind in eine hochprofessionelle Inszenierung eingebettet: Dirk Hofacker hat mit Vertikalpanelen ein wandelbares Bühnenbild (mit Visuals von Valentin Huber) entworfen, dessen geschlossener Rahmen auf Tschaikowskis beschränkte (psychologische) Welt verweist. Bjanka Ursulov stammen die stimmungsvollen Kostüme. In der Gegenüberstellung von Individuum und Schwanenschwarm gelingen der Choreografin immer wieder wunderschöne Bilder, beim Walzer der Großen und bei der Variation der Kleinen Schwäne etwa; oder wenn Tschaikowski von den Weißgefiederten wiedererweckt wird, die sich um ihn herum vor einem bunten Blumenarrangement turmartig anordnen. Ein beeindruckendes Schlussbild, auf das das Publilkum mit dem erwarteten, begeisterten Applaus reagierte.

Ballett des Linzer Landestheaters: „Schwanensee. Dort, wo wir nicht sind“, Uraufführung am 17. Oktober 2015 im Musiktheater Linz. Weitere Vorstellungen: 22., 24., 29., 30. Oktober, 1., 6., 9., 14., 19., 24., 28. November, 14. und 23. Jänner 2016.