SpecterDer Steirische Herbst hat mit einer schillernden Konzertperformance von Johannes Maria Staud und Josef Winkler begonnen. Wenn die Intendantin Veronica Kaup-Hasler in ihrer Eröffnungsrede vom Spielerischen spricht, mit dem der heurige Titel des Festivals „Back tot he Future“ Bezug nimmt auf einen Film, so ist die Intention, sich mit offenherziger Begeisterung dem komplexen Thema zu stellen ebenso zu spüren wie große Ernsthaftigkeit, mit der hinterfragt und Antworten gesucht werden sollen:

Durch Analyse von Vergangenheit und Gegenwart solle mit der Zukunft besser, jedenfalls einmal anders umgegangen werden, was kaum bedeutet , dass es einfacher werde, einfache Wege gäbe – man lasse sich dies nicht einreden, sagt Kaup-Hasler mit einem Verweis auf Aktuelles. Vielmehr müsse Althergebrachtes mit anderen Augen als bisher gesehen werden: Querdenker seien gefragt und finden sich nicht selten unter Künstlern. Solche habe man eingeladen und auf Spurensuche geschickt, allein und in Kooperation, wie dies am Eröffnungsabend bei der Uraufführung von „Specter of the Gardenia oder Der Tag wird kommen“ zu erleben war. Einem „Experiment zeitgenössischen Musiktheaters“, wie diese Zusammenarbeit des Komponisten Johannes Maria Staud und des Schriftstellers Josef Winkler mit dem Ensemble Modern angekündigt wird, einer – wie das Werk klug charakterisiert ist – „installativen Konzertperformance“.

Kein Werk, das jeden erreicht – Einzelne aus dem Publikum der voll besetzten List-Halle verließen vorzeitig den Raum. Doch der Applaus nach der etwa 90minütigen Aufführung war ein ebenso kräftiger wie anhaltender.

Die überbordende, unerbittliche, aber auch streng erarbeitete und strukturierte Sprach- und Bilder-Welt des Josef Winkler ist keine chronologische, vielmehr ein erinnernd-vorausahnender Gedanken-Wirbel in zeitlich wie thematisch zugeordneten, zuordnenden, zum Teil surrealen Gedankenräumen, die sich auftun, blitzlichtartig Einblicke gewähren, zugezogen werden – den Rezipienten in einen Wirbel ziehen, wie er sich ergibt aus dem, was war, ist und sein könnte; aus dem, was aus assoziativem gedanklichen Treibgut ins Ungeordnete schlittert, als Flut sich unaufhaltsam ergießt.

Dass Johannes Silberschneider als Sprach-Interpret sich mit seiner konstanten Präsenz gleichermaßen dem Text unterzuordnen wie diesem seine individuelle Interpretation aufzudrücken versteht, überrascht nicht, aber überzeugt deswegen auch nicht weniger.

Mächtig wie zart trägt und drängt und treibt die Musik Johannes Maria Stauds, interpretiert von 22 Musikern unter der Leitung von Emilio Pomàrico. Sie scheint auch dann vorhanden, wenn die Instrumente schweigen. Der Text sei Staud eine „ atmosphärische Inspiration gewesen“, zitiert Winkler den Komponisten in einem Interview. Darüber hinaus ist dieses erste Auftragswerk des steirischen herbsts an den international höchst anerkannten Tiroler aber etwas sehr packend Nachwirkendes, überaus Eigenständiges geworden.

Ob einem derartig komplexen und stimmigen Ganzen, ergänzt durch ein die unterschiedlichen thematischen Textebenen unterstreichendes Bühnenbild (Inga Timm), zusätzlich Video-Projektionen hinzugefügt werden sollten oder gar müssten, darüber lässt sich diskutieren. Dass die als Spiegel- , als Welten-Scherben zu interpretierenden Projektionsflächen den „Guckkasten“ inhaltsträchtig öffnen, ist ihnen jedenfalls nicht abzusprechen, vielmehr fügt sich das Eingespielte ohne zu überdecken oder auch nur zu konkurrieren ein, spielt an auf den grenzüberschreitenden Scherben-Haufen.

Ein schillernder Auftakt als vielversprechende Basis für die programmintensiven kommenden drei Wochen bis 18.Oktober.

Steirischer herbst-Eröffnung:Johannes Maria Staud / Josef Winkler (AT) „Specter of the Gardenia oder Der Tag wird kommen“ am 25. September 2015 in der List-Halle