dreigroschenoperEs brechtelt sehr: Zur Eröffnung der neuen Spielzeit inszenierte Antú Romero Nunes am Hamburger Thalia Theater die „Dreigroschenoper“. Und verließ sich dabei ganz auf die Wirkung seiner vervielfältigten Hauptfigur, den Autor selbst. Runde Brille, Zigarre, Schiebermütze – sämtliche Darsteller und Musiker sehen aus wie Bertolt Brecht. Ein gekonnter Gag. Aber Basis für ein ganzes Regiekonzept? Naja.

Die Bühne ist ein leerer Raum, den es mit Worten zu füllen gilt. Denn die Kulisse und die Requisiten müssen die Darsteller erläutern: „Wir befinden uns also in der Bettlergarderobe von Jonathan Jeremiah Peachum: rechts eine Treppe, links Boxen zum Umkleiden...“ Nunes stellt Brechts Theorie eines epischen Theaters in den Mittelpunkt und zeigt uns, was damit gemeint ist. Das ist nett und manchmal lustig. Verfremdung und aus der Rolle treten. Typische Schlagworte, typisch Brecht. Eine Szene wird wiederholt, wenn die Intonation beim ersten Mal nicht gefällt. Regieanweisungen werden mitgesprochen. Quiiiitsch, eine Tür.

Genauso wie für Brechts Theorien interessiert sich Nunes aber auch für den Schriftsteller selbst, seinen Habitus, sein Outfit. So sah Brecht aus? Bitte vielfach kopieren. So sprach Brecht? Oh, bitte nachmachen. Brecht rauchte Zigarre? Dann müssen wir schmauchen. Lauter knarzendes R-Genäsel, die blaue Arbeiterkluft ist Einheitstracht. Überall Qualm. Je mehr Brecht desto besser?

Aus dem bekannten Figurenreigen des Stückes blitzen sie einzeln hervor, Macheath (Sven Schelker in seiner ersten Hauptrolle am Thalia), Jonathan Peachum (Jörg Pohl), Polly (Katharina Marie Schubert), Jenny (Franziska Hartmann) und Polizeichef Brown (Thomas Niehaus). Nunes hat ihnen, trotz austauschbarem Brechtlook, durchaus eigenes zugestanden, eine charakteristische Geste, eine eingängige Mimik. Doch keine Logik hält die Figuren dabei zusammen, bestimmt ihre Nähe. Alle bleiben stets auf einer Ebene. Kein Subtext, kein Kontext. Man ereifert sich, prallt aufeinander, beruhigt sich, entfernt sich.

Im ersten Teil des Abends greift das Konzept der wohlwollenden Komik und freundlichen Blicke auf die Schriftsteller-Legende noch als Rahmen und Kontrast für eine stellenweise großartige Präsentation der bekannten Songs. Dann fühlt man sich in ein tolles Konzert versetzt, die Darsteller nehmen sich ein Mikrofon und los geht`s, klangvoll und farbenreich, tief und schön. „Die Seeräuber-Jenny“, „Der Kanonensong“, „Der Anstatt-das-Song“. (Den Haifisch-Song hat Nunes ausgespart, warum auch immer). Die Musik erzählt, sie berührt, überrascht und verzaubert. Besonders Katharina Marie Schubert vermag mit ihrer Interpretation des „kleinen Liedes“, mit dem Polly ihren Eltern die Heirat mit Macheath andeutet, zu überzeugen. Ihre Stimme hat eine ungemeine Bandbreite, vom tiefen, vibrierenden Timbre bis zum fies schrillen Gekreische. Nach der Pause, im zweiten Teil des Abends, hebt der Regisseur den Fokus auf die Musik dann aber leider wieder auf, ja er entzieht den Songs jegliche Bedeutung und Ernsthaftigkeit. „Das Eifersuchtsduett“ von Polly und Lucy (Anna Maria Torkel) ist nur noch eine überdrehte Opern-Persiflage. Nun hält die Inszenierung ihrem eigenen Entwurf nicht stand. Das Konzept widerlegt sich szenisch selbst.

Bertolt Brechts „Dreigroschenoper“ in der Inszenierung: Antú Romero Nunes, Premiere am 13. September 2015 im Thalia Theater. Weitere Vorstellungen: 24.9, 25.9., 10.10., 11.10., 1.11., 3.11., 4.11., 17.12, 18.12., 25.12.2015 sowie 16.1., 17.1.2016