choykafaiRückblick und Vorschau. Das  Festival nähert sich seinem Ende, ungetrübt durch die brütenden Hitze strömt das Publikum weiter zu den Spielstätten. Bis zur Verleihung des „Prix Jardin d´Europe“ für junge Choreografie am Sonntag wird noch erstaunlich viel aufgeboten: Arbeiten von Antony Rizzi, Maarten Seghers, Christine Gaigg, Claudia Bosse und Magdalena Chowaniec & Mani Obeya, Zak Ray, Ivo Dimchev, ebenso wie eine Ausstellung und Installationen im Weltmuseum.

Rückblick. Die letzte Festivalwoche ließ - und lässt noch - im Weltmuseum mit Choy Ka Fais „SoftMachine“ einen witzigen und kritischen Einblick in asiatisches zeitgenössisches Tanzschaffen und dessen Rezeptionsbedingungen in Europa erhaschen. Noch zu sehen ist bis Sonntag die Ausstellung mit Interviews und Video-Dokumentationen. Ivo Dimchevs Drag Diva Lili Handel bezauberte - trotz Internet-Problemen am Montag - mit seinem „Facebook Theatre“. Am Sonntag ist die charmante Diva noch bei einer Zusatzvorstellung im mumok zu bewundern. Rita Vilhena benebelte in „Emergency Plan“ mittels Beschwörungen, Mantras und duftenden Kräutern gekonnt die Sinne. In den mumok Hofstallungen führte sie in einen spirituellen Raum und ein ganz spezielles Theatererlebnis, das das Publikum in einen Selbsterfahrungstripp zog. Claudia Bosse führt mittels einer – großteils sehr gelungenen – choreografierten Performance durch ihre mit Klang- und Lichtinszenierung bespielte Installation. Hitze und schlechte Luft in den fünf bespielten Räumen des Weltmuseums lassen allerdings die Länge der Inszenierung zur Herausforderung werden (noch bis 16. August).

claudiabosseSo fern und so nah. Choy Ka Fais cool aufbereiteter „SoftMachine“-Schwerpunkt ist ein erfrischender Blick in fremde Welten, der die verschiedenen Sichtweisen auf zeitgenössischen Tanz in Asien aufgreift und deren gegenseitige Beeinflussung humorvoll zutage treten lässt. Ebenso nimmt er den europäischen Festival-Markt mit seiner Einflussnahme auf Kunstproduktionen aus Asien auf die Schippe. Noch bis 16.8. ist die dazugehörige Ausstellung des aus Singapur stammenden Künstlers Choy Ka Fai im Weltmuseum zu besuchen. Zahlreiche - leider nicht mit Inserts versehene - Interviews mit Tanzschaffenden aus fünf Ländern wie China, Indien, Indonesien, Singapur und Japan finden sich hier. An einer Wand in einem der anderen Räume sind zwar viele Fotos und Namen der Interviewten zu finden, aber nicht direkt bei den ausgestellten Videos. Dadurch ist der Genuss eines hochinteressanten Blicks auf die vielfältigen Strömungen zeitgenössischen Tanzes asiatischer Länder getrübt. Es trösten vier gelungene Doku-Filme, die schon Teil von Choy Ka Fais witziger „documentary performance portraits“ waren.

In einer Art choreografierter Lecture spürte Choy Ka Fai  mit seiner „SoftMachine“-Reihe Strömungen und Mythen zum Thema Tanz in und aus Asien nach.  Verärgert durch allzu grobe Verallgemeinerungen auf eine homogene "asiatische Kultur" durch europäische Kulturinstitutionen, machte sich der Performer selbst ein Bild.  Im Gepäck dabei hatte er nun für Wien junge Künstler, u.a. die aus Japan stammende Gruppe Contact Gonzo. Die aus vier Performern zusammengesetzte Gruppe verbindet ihren spontanen Contact Impro-Tanz mit einer Form der aus dem Journalismus bekannten Gonzo-Ästhetik. Meist proben sie an öffentlichen Plätzen und Parkanlagen und ziehen Hindernisse jeder Art in den energiegeladenen, zum Teil brutalen Tanz mit ein. Manchmal sieht das nach Straßenkampf aus, bei dem die Kämpfenden mit einer Wegwerfkamera coole Fotos schießen oder sich mittels Drohne oder am Körper befestigter Kamera filmen und damit die Zuschauer mitten ins Geschehen bringen.  Seit einiger Zeit wird die Gruppe verstärkt im Kontext von Kunst-Ausstellungen entdeckt u.a. sind sie im New Yorker MoMA aufgetreten. Anfang der Woche zeigte Choi Ka Fai im Weltmuseum noch die witzige Lecture-Performance mit dem aus Indien stammenden, klassisch und zeitgenössisch ausgebildeten  Tänzer und Choreografen Surjit Nongmeikapam. Diese reflektiert anschaulich, wie Einflüsse aus traditionellen kulturellen Strömungen und zeitgenössischem Tanz ineinanderfließen. Und wie Exotismus, als beliebtes Kriterium einer Festival-Einladungs-Politik, seinen Niederschlag findet.

ivodimchevSchweiß und Blut - Aktionismus heute. Ivo Dimchev nennt seine Performance im mumok “Facebook Theatre” und gibt seine Kunstfigur, die glamouröse Drag-Diva Lili Handel, dabei ganz in die Hände des Publikums. Dieses steuert live, mittels Online-Kommentaren, die Performance und legt der Drag-Diva Worte in den Mund, welche - nicht immer kommentarlos - in ihre Performance eingeflochten werden. Das bringt die Gute schon auch gehörig ins Schwitzen - sie kühlt sich mit Tropfen ihres live abgezapften Blutes. Dimchevs Performance ist ein erfrischendes Potpourri aus Gesang und Tanz, in dem die im Mumok laufende Aktionismus-Ausstellung und auch das Impulstanz-Festival – ganz wie das Publikum und die Künstlerin geneigt sind - ihr Fett abbekommen.

Noch zahlreiches Programm bis Sonntag. Ab Freitag steht noch Christine Gaiggs „untitled (look, look, come closer)” im 21er Haus am Programm. Das Musiktheater entstand in Zusammenarbeit mit dem Komponisten Klaus Schedl und beschäftigt sich mit neuen Formen medialer Inszenierung von Kriegen (bis 15. August). Im Weltmuseum feiert „Songs of the Water/Tales of the Sea“ Premiere. Das Stück behandelt ein Thema, das seit einiger Zeit Dauerbrenner in Österreichs Medien ist: Flucht. Sängerin und Choreografin Magdalena Chowaniec und Tänzer und Sofa-Surfers-Sänger Mani Obeya erarbeiteten mit sechs jungen Flüchtlingen ein Stück. Erinnerungen an ihre Flucht werden da mittels Tanz und Gesang zu einer Erzählung der aus Somalia, Afghanistan und der Elfenbeinküste stammenden minderjährigen Flüchtlinge verarbeitet (bis 16. August).

Im mumok setzt sich Antony Rizzi mit „The Artist Is Here“ mit Marina Abramovic auseinander (bis 15. August). Ein letztes Mal ist heute auch noch aus der Nachwuchs-Reihe „[8:tension] Young Choreographers' Series“ Maarten Seghers Performance „What do you mean what do you mean and other pleasantries“ im Schauspielhaus zu sehen. Die Arbeit ist ein Pop-Konzert und eine Stand-up Comedy des jungen Needcompany-Performers im Kampf mit sechs hölzernen Sound-Boxen. Diese ist musikalisch zwar gewitzt, aber sonst etwas brachial-humorig angelegt. Maarten Seghers ist einer der - insgesamt elf - nominierten junge Künstler, die am Sonntag auf den europäischen Tanzpreis hoffen können: Der Prix Jardin d`Europe ist mit 10.000 Euro dotiert, zusätzlich wird ein FM 4 Fan Award vergeben. Bis zum 15. August, 23:59 Uhr ist das Publikum noch eingeladen, online zu voten: www.impulstanz.com/fanaward.

Choy Ka Fai “SoftMachine”, 9. August 2015, Weltmuseum; Contact Gonzo “untitled movements with a drummer coming a little later”, 9. August 2015, Weltmuseum; Choy Ka Fai “SoftMachine: Surjit Nongmeikapam”, 10. August, Weltmuseum, Ivo Dimchev “Facebook Theatre” 10. August 2015, noch bis 16. August im mumok; Rita Vilhena “Emergency Plan”, 11. August 2015, mumok Hofstallungen; Claudia Bosse/theatercombinat “a third step to IDEAL PARADISE”, 13. August 2015, noch bis 16. August im  Weltmuseum;  Infos und Karten: www.impulstanz.com