GadenstaetterZum 2.Mal präsentierten Studierende der Kunstuniversität Graz (Komposition und PPCM/ Performance Practice in Contemporary Music) und der Bruckner Privatuniversität Linz (Zeitgenössischer Tanz) Ergebnisse ihrer künstlerischen Zusammenarbeit. Ein Projekt, das 2013 von Rose Breuss (Choreographie) und Clemens Gadenstätter (Komposition) initiiert wurde. Eine künstlerische Form der Kreation, die erkunden solle, wie Studierende unterschiedlicher Sparten aufeinander in Zusammenarbeit reagieren oder was zeitgenössische Musik und Tanz an einem Thema teilen.

Eine Initiative, die weitergehen werde und die, so ist zweifellos das Resümee der gut besuchten Veranstaltung, auch fortgesetzt werden soll: zwecks Verstärkung künstlerischer Synergien, aber auch um ein Aufbrechen traditioneller Publikumskreise zu erreichen – sowohl was Altersspezifisches als auch was Interessen betrifft.

„Invisible Drives“, so der Titel des 5-teiligen Abends: Die in dieser Feststellung (auch) versteckte Frage nach dem unsichtbaren Antrieb oder Ansporn für das zu Erlebende wurde zwar nicht gelöst. Dass aber ein Teil davon unbändiges Bedürfnis nach künstlerischer Infragestellung, nach Grenzüberschreitungen und Neuem sowie nach Vermittlung dieser Erfahrungen und Ergebnisse sei, das glaubte man uneingeschränkt bei Musikern und Tänzern zu spüren. Nein, das Programm hatte nichts von einem „Studierenden-Abend“, wie Gadenstätter eingangs ausdrücklich hoffte, und was wohl im Sinne von Negativbeispielen sogenannter „Schulvorstellungen“ gemeint war (auch wenn es kleine Problemchen gab). Vielmehr zeichnete sich der Abend durch Qualität und erfrischende Diversität aus.

So zeigte etwa der erste Programmpunkt „ S.Y.S.T.E.M“ wie einfach räumliche Verflechtung von Musikern und Tänzer funktionieren kann; und das auf mehreren Ebenen, da gleichzeitig zum konkreten Bühnen-Setting (Musiker in der Mitte, während der Tänzer sie in Rückwärtsschleifen umkreiste) das im Titel verbalisierte Thema derart visualisiert in Variationen unschwer greifbar wurde. Eine Weiterarbeit am noch etwas groblinigen Bewegungs-Konzept könnte sich lohnen.

„Piece: THR3E“ setzt sich mit dem weiten Feld der Verbindung zwischen zwei Menschen auseinander – und vor allem mit dem „dritten“, dem großen Unbekannten, dem entscheidenden Faktor, der eine „Connection“ bewirkt oder nicht, sie formt und verformt. Dies kann wunderbar minimalistich geschehen und kommt sowohl in Bewegungen der Tänzer Jerca Rožnik Novak und Enyer Ruiz wie auch in der Musik Antonis Rouvelas‘ sehr fein über die Bühne; zeugt von menschlich notwendiger und künstlerisch gegebener Achtsamkeit, was sich in einem installativen Schlussbild nochmals besonders gelungen vermittelt.

Von gänzlich anderer Expressivität und Dynamik, was bereits im Titel unschwer ahnbar ist : „When the Desire is Allowed to Lead the Act”. Eine Thematik, die in ihrer Theatralik vor allem der Bühnenpräsenz und der darstellerischen Hingabe Elsa Mourlams auf den Leib geschrieben ist. Aber auch insgesamt ist sowohl die teilweise großartig schräge Choreographie (Solaja Rechlin), ihr Nahverhältnis zur Musik wie auch die Musik (Erik Lindman-Mata) für sich allein von durchdachter Eindringlichkeit geprägt, die tief greift. Es packt, wenn in scheinbarer Beiläufigkeit Exaktheit mit Konzentration sich verbinden. Bezeichnend für Ernsthaftigkeit als Basis dieses höchst gelungen Zusammenspiels aller sind die den Komponisten beeindruckenden Zeilen, die er im Programmheft zitiert: „Was sind das für zeiten, wo ein gespräch, beinahe ein verbrechen ist, weil es so viel gesagtes mit einschließt?“

Ein ganz enges Miteinander von Musik und Tanz wird in „Unter die Haut“ erlebbar. Weil Tänzer-Choreograph Chris Yi (von 2010-2014 sowohl Gast als 3 Jahre Mitglied der Tanzkompanie der Oper Graz) zum Teil durch seine Bewegungen auf speziellem Untergrund Töne erzeugt, zum Teil sich unter die (wiederum auf der Bühnenmitte platzierten) Musiker begibt und ebendort sich ganz nahe an diese herantastet, einem Magier gleich zum Teil; und weil es unmittelbar nachvollziehbar thematisch dem Projekt zugrunde liegt: „Der Körper lauscht den Bewegungen des Klanges.“ Chris Yi ist technisch versiert und feinnervig genug, um dieses Wiedersehen mit ihm zu einem visuellen Genuss werden zu lassen (das Fließen seiner Bewegungen, seine Sprungkraft und Drehkompetenz) und seine Symbiose mit der Musik von Flora Geißelbrecht und Dominik Matzka wertzuschätzen.

„When they travel at the speed of light, ALONG the light!” ist nahezu in jeder Hinsicht ein mutiges Vordringen in (möglichst) Unbekanntes: Das In- und Nebeneinander von Ton (-Erzeugung) und Bewegung in einer der Kategorisierung eher fernen Form wird noch durch die zum Teil unmittelbare Einbeziehung von Lichtquellen (Neonröhren) in das Bühnengeschehen vergrößert. Eine surreale Reise in eine Raum-Zeit-Dimension der anderen Art, inspiriert durch Science Fiction. Intendierte Trance-Effekte durch die Licht-Spiele konnten von der Autorin zwar nicht empfunden werden, aber ein anregender, ungewöhnlicher Spaß war’s nichtsdestotrotz.

1.Juli 2015, 19.30, MUMUTH Graz, György-Ligeti-Saal