farewellAuch diese Saison des Wiener Staatsballetts endete mit einer glanzvollen Gala, und wieder wurde sie zu einem eindrucksvollen Zeugnis für die Qualität dieses Ensembles, das alle Varianten der (Neo-)Klassik ebenso wie das Spiel auf der Klaviatur der Gefühle virtuos meistert. Ballettchef Manuel Legris hat hochsensible Pas de deux von einigen der bedeutendsten Choreografen des 20. Jahrhunderts mit Werken der Gegenwart gemischt und mit Ausschnitten aus der Ballettliteratur des 19. Jahrhunderts den historischen Kontext hergestellt.

Balanchines „Allegro Billante“ war ein wahrhaft funkelnder Auftakt. Selbst das schnelle Tempo von Tschaikovskis Klavierkonzert, das Dirigent Kevin Rhodes vorgab, brachte die Gruppe mit Olga Esina und Vladimir Shishov als Solopaar nur kurz aus dem Takt und sicher nicht aus ihrer aufgekratzten Grundstimmung. Freudig und mit strahlenden Lächeln auf den Lippen verbreiteten sie gute Laune. Diese wandelte sich bei „Kazimir’s Colours“ von Mauro Bigonzetti – getanzt von Nina Poláková und Eno Peci – in eine elegische Atmosphäre zur Musik von Dimitri Schostakowitsch; erhielt in Rudi von Dantzigs „Moments Shared“ mit Irina Tsymbal und Roman Lazik romantische Zwischentöne (Musik: Chopin) und gipfelte in Maurice Béjarts Choreografie zu Mahlers „Lieder eines fahrenden Gesellen“ in einem berührenden Widerstreit von zwei Tänzern (Robert Gabdullin und Friedemann Vogel als Gast) und einem Bariton (Clemens Unterreiner). Diese sich stetig steigernde Skala der Gefühlsebenen wurde durch den Pas de deux aus „Die Tochter der Pharao“ von Evgenia Obraztsova und Semyon Chudin spritzig akzentuiert, die mit ihrer Leichtfüßigkeit, Präzision und Sprungkraft überzeugten.pharao

Denn freilich dürfen bei einer Gala auch die „Zirkusstücke“ nicht fehlen. Bei dieser Nurejew-Gala waren sie sehr sparsam, aber punktgenau eingesetzt. An Kunstfertigkeit stand die Erste Wiener Solistin Ludmila Konovalova den großartigen Gästen des Bolshoi-Balletts nicht nach. Im Rosenadagio aus „Dornröschen“ (in der Choreografie von Rudolf Nurejew) stand sie in der Attitude so sicher auf der Spitze, dass sie sogar die stützende Hand des vierten Kavaliers links liegen ließ.

Zum Großteil gab es bei diesem einmaligen Ereignis der Nurejew-Gala Rollendebuts zu sehen. In den Ausschnitten aus Roland Petits „L’Arlésienne“ tanzte erstmals Davide Dato den Bräutigam, der von seinem Trugbild in den Tod getrieben wird: sehr schön und sehr sauber, doch den dringlichen Wahnsinn des Frédéri konnte er noch nicht glaubhaft machen.

onthenatureErstmals in Wien zu sehen waren David Dawsons „On the Nature of Daylight“ (Uraufführung 2007), ein Liebesduett, edel und elegant getanzt von Olga Esina und Kirill Kourlaev sowie „The Farewell Waltz“ aus dem Jahr 2014 von Patrick de Bana, ein Stück über Liebe und Abschied, das in der Interpretation von Ballettchef Manuel Legris und Isabelle Guérin auf die Tränendrüsen drückt. Immer wieder begegnen sie einander, werden wie magisch angezogen, und wissen doch genau, dass die Trennung unmittelbar bevor steht. Am Ende werden die Rollen getauscht, sie, die zuerst auf der Besucherbank saß, legt sich ins Krankenbett, hoch aufgerichtet steht er, der anfangs auf dem Krankenlager saß, nun auf der Bank. Ein eindringliches Ballett, dessen Ernsthaftigkeit anschließend von dem humoristischen „Skew Whiff“ von Paul Lightfoot und Sol Léon relativiert wurde.

Das wäre schon ein wunderbarer Abschluss des Abends gewesen, auch wenn es verständlich ist, dass Legris nicht nur seine SolotänzerInnen, sondern auch sein Ensemble präsentieren wollte.skewwiff

Und so endete diese Gala so gut gelaunt wie sie begonnen hatte, mit dem ersten Akt aus „Don Quixote“ in der Choreografie von Rudolf Nurejew. Denys Cherevytschko und Maria Yakovleva hatten sichtlich großen Spaß als das übermütig freche Paar Basil und Kitri, und wurden dabei von einem ebenso animierten Ensemble unterstützt. (Leider ist bei den Ensembleszenen immer wieder die aufwändige Ausstattung im Weg. Nach den vorangegangenen Tänzen, die mit wenig bis keiner Dekoration auskamen, war das „Gerümpel“ auf der Bühne besonders störend.)

Andrey Kaydanovskiy gab sein Rollendebut als Gamache, dem reichen Adeligen, den Lorenzo für seine Tochter Kitri gegen deren Willen auserkoren hat. Und wieder schafft er es aus der Neben- eine Hauptrolle zu machen. Diese, seine besondere Art der Auseinandersetzung mit einem Charakter, wird nach der Gala von Manuel Legris mit der Ernennung Kaydanovskiys zum Halbsolisten belohnt, ein Titel, den nun auch die Tänzerinnen Rebecca Horner (die mit ihrer Interpretation von Potiphars Weib in der „Josephs Legende“ einen überwältigenden Erfolg feierte), Nikisha Fogo (die zuletzt beim Abend der Jungen Talente bestach) und Gala Jovanovic (die unter anderem als Zigeunerin in „Romeo und Julia“ auffiel) führen dürfen.

Wiener Staatsballett: Nurejew Gala 2015 am 28. Juni 2015 an der Wiener Staatsoper