yoshiokaDass Butoh in Graz sehr früh und hochkarätig erlebbar wurde, beruht auf einer Einladung der Steirischen Kulturinitiative an die japanische Choreographin und Tänzerin Yumiko Yoshiokas vor mehr als 20 Jahre. In der ersten Butoh-Aufführung, die je außerhalb von Japan gezeigt wurde, tanzte sie mit Ko Murobushi (er starb vor kurzem in Mexiko) und Carlotta Ikeda 1978 in Paris „Le Dernier Eden“. Nun brachte sie ihr neuestes Stück in Graz zur Premiere.

Nach mehreren kleinen und größeren Produktionen vor Ort in der Zwischenzeit präsentierte Yoshioka nun mit Protagonisten des Grazer Theater Feuerblau und internationalen Gästen „Resonant Complex“. Sie nimmt damit ein hochaktuelles und umfassendes Thema in Angriff und formuliert die Frage: „Mit dem Informationsüberfluss wird unsere Wahrnehmung zunehmend oberflächlicher, und wir haben die Dankbarkeit für den Wert des Lebens verloren. Nach dem Atom-Unfallvon Fukushima frage ich mich ständig: Je mehr desto besser ... aber wollen wir das wirklich?“ Mit der ihr eigenen Verquickung von Raum, Bewegung und Installativem sucht sie nach dem Inhalt gerecht werdenden, künstlerischen Ausdrucksformen, nach den ihrer Formsynthese innewohnenden, neuen Perspektiven, Aspekten oder jedenfalls Anregungen zum Nachdenken.

Lisa Horvath (Bühne) sowie Arian Andiel (Videodesign) und Christina Weber (Licht) offerieren insbesondere in der Anfangsszene gemeinsam mit der Komposition Christof Ressis einen lebendigen Raum, der die Fantasie öffnet und lustvoll in Bewegung setzt. Dass die im Großteil der Performance in idente Ganzkörperanzüge und Vollmaske gesteckten Tänzer in ihren Kommunikationsmöglichkeiten eingeschränkt sind, mag dem Thema geschuldet sein: der Stereotypie und der Oberflächlichkeit im kurz aufleuchtenden Gegensatz zu ihrer „Menschlichkeit“. Doch es nimmt auch der Choreographie so manches an Tiefe und damit an Kraft, sein Publikum zu erreichen.

Yoshioka, die vorerst nur als Kopf zu sehen ist, trägt keinerlei Maske; vielmehr zeigt sie sich der traditionellen Butoh Mimik sowohl im Ausdruck wie auch in der Gesichtsfarbe Weiß verpflichtet. Mit der auf Erfahrung fußenden Bühnenpräsenz überzeugt sie in einigen ihre Solis, ergeben sich mit ihren weißgewandeten Mit-Tänzern einige eindrucksvolle Bilder und auch einzelne Szenen, die sich einprägen. Doch insgesamt ist die Produktion weder formal noch inhaltlich so geglückt, wie es ihr, der international erfolgreichen Yoshioka, zuzutrauen ist bzw. auch schon erlebt wurde. Daran ändert auch nichts mehr eine starke Schluss-Sequenz, in der „der Stecker gezogen wird“, Urmenschliches die Bühne in Form von Stimmengewirr erobert und die Protagonistin, interpretierbar als Mutter Erde, sich mit einem Lächeln auf den Lippen wieder zurückziehen kann in ihrer ursprünglichen Identität und zu ihrem Zentrum.

Yumiko Yoshioka: „Resonant Complex“, Premiere am 26. Juni in der Studiobühne – Opernhaus Graz, Produktion: Steirische Kulturinitiative