herediaEs klang zweifellos interessant: In ihrer Choreografie wollte Gisela Elisa Heredia angeblich die Körperlichkeit des Protestierens und Demonstrierens untersuchen. „Ein Tanzstück, das im Namen vieler Menschen steht und den Körper als Medium des Widerstandes etabliert“, lautete der hehre Anspruch. Das Ergebnis gehört hingegen eher in die Rubrik postpubertäres Ausagieren.

Die Anfangsszene gibt den Ton vor: eine Frau schreit einen Mann mit Bunny-Maske ihre Wut entgegen, beschimpft ihn unflätig. Warum wissen wir nicht. Er hört sich das einfach mit gesenktem Kopf an. Später wird er auf die Bühne kommen, Schokolade essen, seine braun verschmierte Zunge zeigen, die Schokolade kotzen – Scheiße gegessen? –, seine Kleider ausziehen, zuerst die Finger dann den Penis in die Steckdose stecken und so weiter und so fort. Auch die vier Frauen sind nicht prüde und werfen mit Fäkalausdrücken nur so um sich. Irgendwie scheint es überhaupt ums Fluchen zu gehen. Hin und wieder flackert eine gute Idee auf – etwa wenn die Gesten des Protests choreografisch bearbeitet werden. Doch bald wird auch da der Stinkefinger zum Hauptmotiv. Die Nacktheit –„You’re sexy, you’re cute – take off your riot suit“ – hat wenig mit Freiheit zu tun, auch wenn sich die TänzerInnen in einer gefühlt endlosen Sequenz gegenseitig revolutionäre Schlagwörter auf die nackte Haut schreiben. Vielmehr scheint diese Performance ein Vorwand zu sein, im Pubertätsarchiv der ätzendsten Sorte zu kramen. Selbst die Intention der DarstellerInnen erschloss sich (mir) nicht, es blieb unklar, ob das Ganze nun ernst, ironisch oder gar sarkastisch gemeint war. Wollte man gar schockieren? Und so ließ man die Show über sich ergehen, wie den Ausbruch des Teenagers zu Hause - war dabei gleichermaßen genervt wie hilflos.

Wenigstens hatten die Tänzerinnen Bianca Braunesberger, Pawel Dudus, Cäcilia Färber, Hannah Timbrell und Leonie Wahl offensichtlich Spaß bei ihrem Tun. Am Ende gab es dann auch noch eine Fake-Publikumsbeteiligung. Braunesberger rappte einen Protestsong im Dialekt und rief mit fordernden Gesten zum Mitmachen auf. Die im Zuschauerraum verteilten KollegInnen, die die Show mit mehr oder weniger lauten Lachern begleitetet hatten, begaben sich auf die Bühne, um die angebliche „Bürgerbewegung“ mit einem gemeinsamen Tanz aufzufetten.

Ja, die Massenproteste der Indignados, der Wutbürger, der Occupy Wallstreet-Demonstranten sind diffus, eine politische Ansage ist schwer herauszufiltern. Trotzdem waren sie ein Aufstand gegen Missstände, der weit über den rebellischen Protest von Halbwüchsigen hinausgeht. Wut allein macht jedenfalls noch kein Theater.

Gisela Elisa Heredia / tanz.coop: „You’re sexy, you’re cute, take off your riot suit“ im Kosmos Theater, Premiere am 28. Mai, gesehene Vorstellung am 30. Mai 2015