tanzwutIn einem einjährigen Projekt geht die Choreografin Cornelia Böhnisch der überaus spannenden Frage nach: „Warum tanzt der Mensch?“, und verknüpft damit das Phänomen der Choreomanie sowie die Krankheit Chorea Huntington. In einer Zusammenarbeit des Kooperationsschwerpunktes Wissenschaft & Kunst der Universität Salzburg mit dem Toihaus haben sich Studierende mit "Tanzwut" auseinander gesetzt. Eine Zwischenbilanz mit einer work-in-progress-Aufführung, einem Symposium und den studentischen Projektarbeiten gab es Ende Mai.

Warum sie die Aktionen, in die das Tanzwut-Projekt gegliedert ist, „Äcker der Unschuld“ genannt hat, kann Cornelia Böhnisch auch nicht mehr erklären. In einem launigen Moment fiel ihr der Begriff ein und er ist geblieben. Unschuld 3 zeigte jedenfalls eine Studie zur Performance, die im Oktober 2015 mit dem Titel „Unschuld 6 – Ecclesia Saltans“ die einjährige Tanzwut-Recherche abschließen wird. Erste Eindrücke einer interessanten tänzerisch-musikalischen Auseinandersetzung im Prozess der Formfindung: Mit einer geloopten Bewegungssequenz, die sie sich von Patienten der neuro-degenerativen Krankheit Chorea Huntington „ausgeliehen“ haben, beginnen die drei Frauen auf der Bühne ihre Annäherung an den Tanz – und sie tun das sehr respektvoll. In dieser Anfangsszene wird die Sogwirkung einer sich ständig wiederholenden Bewegung spürbar, die Referenz zum pathologischen Ursprung wird anhand von Videos mit anonymen Patienten deutlich. Nun trifft „krankhafter“ Tanz auf heilende Musik, und während sich die Tänzerinnen aus ihrer zwanghaften Gestik befreien, übernehmen die Musiker das Geschehen. Spätestens bei der mitreißenden Pizzica konzentrieren sie die Aufmerksamkeit des Publikums ganz auf sich. Nach und nach füllt sich die Projektionsleinwand mit Bibelzitaten, die simultan über einen Overhead-Projektor redigiert werden, denn es geht Cornelia Böhnisch doch auch um die Frage, ob der Tanz göttlich oder teuflisch sei.

fengerDiese konnte freilich auch das Symposium (Unschuld 4) am Folgetag nicht klären, das mit dem Referat „Choreomanien. Die Kultur des Wahnsinns im Tanz“ der Tanzpublizistin Josephine Fenger begann. Sie spannte den Bogen von den mittelalterlichen Tänzen bis zu den Raves der vergangenen Dekade, vom Tanz als Wahnsinn, als Sünde, als Besessenheit, aber auch als Protest bis hin zu einem therapeutischen Ritual. Bis heute wird etwa die Tarantella, ein Tanz, der – angefeuert von der Musik – vom Stich der Wolfsspinne heilen soll, als süditalienische Kulturtradition etwa beim Festival „la Notte della Taranta“ im apulischen Salento mit 150.000 Teilnehmern gefeiert. In Kalabrien läuft der Tanz nach hierarchisch ritualisierten Regeln ab und wird dort von der Mafia kontrolliert und für deren Machtzementierung instrumentalisiert. 

grauAndrée Grau, Professor für Tanzanthropologie an der University of Roehampton, London, versuchte in ihrem Vortrag die Frage: „Warum tanzt der Mensch“ zu klären. Drei Quellen sind bei dieser fundierten Spekulation aus kulturgeschichtlicher Perspektive besonders relevant: Die Argumentation des Ethnomusikers und Anthropologen John Blacking (1928-1990), der Tanz als kulturelles System und menschliche Fähigkeit verstand; des Biologen J. Z. Young (1907-1997), der die kunstvolle Bearbeitung prähistorischer Steinwerkzeuge dem Faktor der Motivation zuschrieb und des Militärhistorikers William MacNeill (geboren 1917), der sich auf das „muscular bonding“ im Tanz bezog. Darauf aufbauend leitete Grau die Bedeutung des Tanzes in der Entwicklungsgeschichte als Teil der menschlichen Kultur, der Kommunikation und der Bewegung her. Indem der Tanz die Qualität von Beziehungen vertieft, macht er etwa das Arbeiten im Kollektiv effizienter und stärkt die Solidarität in der Gruppe. (Darum ist zum Beispiel in Griechenland Tanzen bis heute Teil des militärischen Trainings.) Soweit die allgemeine anthropoligisch-soziologische These. In ihren ethnologischen Feldrecherchen stieß Andrée Grau auf ein Phänomen, das von Tänzern als eine Art erhöhter Bewusstseinszustand beschrieben wird, der durch das Tanzen erreicht wird: in Griechenland „kefi“, in Tonga/Polinesien „Mafana“ oder in Botswana „!kia“. Dieser Bewusstseinszustand – für den die Menschen tanzen – wird nicht zufällig, sondern durch einen methodischen Weg erreicht, den Tänzer, Sänger, Musiker und das Publikum gemeinsam kreieren. Anhand der theoretischen Quellen sowie der Fallbeispiele vermittelte Grau ein überzeugendes Panorama, warum der Mensch tanzt beziehungsweise tanzen muss.

boehnisch

Außerhalb des offiziellen Programms präsentierten die StudentInnen an diesem Tag auch ihre Projektarbeiten zu diesem Thema. Unter der künstlerischen Betreuung von Cornelia Böhnisch und der wissenschaftlichen Begleitung von Sandra Chatterjee von der Universität Salzburg, fanden die Studierenden vielfältige Ansätze für eine Antwort auf die Frage „Warum tanzt der Mensch?“. In dem Video „Choreografie der Alltagsbewegung“ wurden beispielsweise Aktionen wie Kämmen, Staubsaugen und Gehen zur tänzerischen Abfolge montiert, eine anderes Video ließ die ZuschauerInnen erleben, wann aus Gehen Tanz wird, eine Empfindung, die sich bei jedem der drei zur Auswahl gestellten Musikstücke ändert. Eine weitere Studentin fragte 100 Personen, warum sie denn tanzten und montierte die Antworten in einer Installation an die Wand. „Weil es Spaß macht“, sagt die dreijährige Kathi. „Tanz ist mein Leben“, der 53-jährige Andrej und Marcel, 13: „Weil’s cool ist. Und ich tanze, um in der Schule gut anzukommen.“

Oder um es mit Pina Bausch zu sagen: „Es geht nicht um Kunst, auch nicht um bloßes Können. Es geht um das Leben, und darum, fu?r das Leben eine Sprache zu finden.“

„Tanzwut“ am 28. und 29. Mai im Toihaus Salzburg. Weitere Aktionen: Unschuld 5 – „Der Tod und das Mädchen“, eine theatrale Performance auf dem historischen Friedhof St. Peter, Salzburg am 13. Und 20. Juni, Unschuld 6 – „Ecclesia saltans“, Premiere am 10. Oktober 2015