Winterreise1Die „Winterreise“ nimmt in John Neumeiers Oeuvre einen besonderen Platz ein. Und lässt sich eigentlich kaum einem anderen seiner Werke zuordnen. Es ist ein beeindruckender und nachhaltiger Tanzabend; ein Theater der Bilder, Momente, Gefühle und Impressionen. Nun steht dieses sehenswerte Stück wieder auf dem Spielplan des Hamburg Balletts.

Das im Dezember 2001 uraufgeführte und zuletzt 2004 gezeigte Ballett erweist sich  auch mehr als zehn Jahre später als beeindruckend unkonventionell und intensiv im Ausdruck. Die „Winterreise“ folgt keiner konkreten Handlung. Vielmehr begleitet der Zuschauer den einsamen Wanderer und seine Personifikationen („Menschen unterwegs“) auf ihrer ziellosen Reise. Neumeier hat eine vielschichtige Abfolge choreographischer Variationen über ein existentielles Grundthema entworfen. Es geht um einen Mangel, einen gefühlten und tatsächlichen. Einen Mangel an Heimat, Sicherheit, Bindung, Nähe. Als Zuschauer blickt man in die Skizze einer emotionalen Landschaft. Neumeiers Paare und Passanten sind in den sie umgebenden Verhältnissen verloren, einsam, aber nicht allein. Widersprüchlich in ihren Bedürfnissen und der Fülle ihrer Ambivalenzen.

Es sei vor allem Hans Zenders Deutung von Schuberts berühmtem Liederzyklus gewesen, die, so Neumeier, ihm als Anstoß und Inspirationsquelle gedient habe. Zenders Komposition zeige die Brüche in Schuberts Musik auf, vergrößere die Kontraste und verschärfe die Akzentuierungen. Und wirklich, der Zuschauer (-hörer) horcht auf. Zender gibt der Musik jene Härte und scharfe Kontur zurück, die Schuberts „Winterreise“ für seine Zeitgenossen gehabt haben muss. Schubert selbst sprach ja von einem „Zyklus schauerlicher Lieder“. Es ist ein Eindruck von Unsicherheit, ein Riss im Innern der Gesellschaft, die die Hamburger Philharmoniker unter der Leitung von Simon Hewett widerspiegeln. Wobei vor allem auch der Tenor Rainer Trost hervorzuheben ist. Perfekt akzentuiert er die große Palette der Klangfarben.

Die Stimmungen, die in dieser Choreographie geschaffen werden, sind beides: konkret und abstrakt. Mitunter finden wir sie im Text der Schubertschen Lieder wieder, oftmals aber sind sie unabhängig von diesem. Die Szenen haben eine offene Struktur, der Betrachter gibt ihnen eine eigene Geschichte, eine Geographie abseits der Bühne. Yannis Kokkos, der Kostüme und Bühnenbild entworfen hat, schuf hierfür einen kargen, eisblau ausgeleuchteten Raum. Eine Treppe, eine Straßenlaterne, ein Stuhl aus Plexiglas. Hier gibt es wenig, das zum Verweilen einladen könnte. Eine große Scheibe senkt sich von der Decke herab. Jetzt gibt es ein Drinnen und Draußen. Ausgesperrt sein und Exil. Den Hintergrund bildet eine Wand aus Porträts. Dunkel kolorierte Fotos von Tänzern und ihren Familienmitgliedern, anonym und persönlich zugleich.

Für die „Winterreise“ hat Neumeier ein Bewegungsvokabular geschaffen, das Leichtigkeit zitiert, genauso aber bodenverhaftet und schwer ist. Die elegante Geste wird immer wieder gebrochen und verneint. Elemente des Tanztheaters werden kombiniert mit der technischen Virtuosität des modernen Balletts. Schnelle Stil- und Tempiwechsel, abrupte Richtungsänderungen. Eine tänzerische Herausforderung, die das Ensemble des Hamburg Balletts überzeugend meistert.  Winterreise2

Die Rolle des zentralen Wanderers hat Aleix Martinez  von dem japanischen Tänzer Yukuchi Hattori übernommen. Keine leichte Aufgabe, denn Hattori hatte diesen Part mit einer sehr individuellen Präsenz gestaltet. Martinez indes ist zu Beginn des Abends noch recht zurückhaltend, wenn auch technisch makellos. Und eigentlich passt dieser stillere Anfang sogar sehr gut. So bleibt Spielraum für Entwicklung. Zu Beginn sieht man ihn mehrere Koffer schleppen, doch eigentlich scheint seine Habe aus einem weiten Pullover mit extralangen Ärmeln, einer Wildhütermütze und einer Brille zu bestehen. Fast ein Privileg ist es, solch übergroße Kleidung tragen zu dürfen. Man kann darin verschwinden, sich zurückziehen. Mal mischt sich der Wanderer unter die anderen Reisenden, mal bleibt er draußen und schaut zu. Anziehung und Ablehnung, Nähe und Distanz bilden die Pole der tänzerischen Begegnungen. Wobei großartige Sequenzen entstehen, so zum Beispiel die dynamischen Pas de deuxs von Leslie Heylmann und Carsten Jung, der elegante, feine Gestus von Silvia Azzoni sowie die pointierte Körpersprache von Otto Bubenicek.

Bei der Uraufführung stand Neumeier auch selbst auf der Bühne. Am Ende der „Winterreise“ schritt er barfuß, einen Fuß dem anderen nachziehend, durch das Schneegestöber der Vorderbühne. Ein seltsamer alter Mann, eine Trommel um den Hals, die kleinen Schlegel hingen herab. Er war „der andere, auf dem WEG“. Sachte ging er auf den Wanderer zu, um ihm in einer umständlichen Zeremonie sein Instrument zu übergeben. In der Wiederaufnahme hat nun Lloyd Riggins diese Rolle übernommen. Riggins gibt seiner Figur eine sehnige, aktive Note. Aber auch zwischen ihm und Aleix Martinez entsteht eine fragile Poesie. Eine Poesie, wie sie diesen spannenden, ungewöhnlichen und wunderbaren Ballettabend insgesamt auszeichnet.

Hamburg Ballett: „Winterreise“, Wiederaufnahme am 29. März, weitere Vorstellungen: 12. (zweimal) und 16. April sowie 9. Juli 2015 in der Hamburgischen Staatsoper