schwanensee konovalovaschwarzSchon die zweite Vorstellung der neuen Schwanensee-Aufführungen überraschte mit einer Umbesetzung. Olga Esina ist verletzt, konnte zwar die Premiere zu Ende tanzen, doch nun ist Schonung angesagt. Ohne Zögern ist Liudmila Konovalova eingesprungen, deren Debüt als Odette /Odile eigentlich erst für kommenden Freitag vorgesehen war. So feierte sie ihren Triumpf etwas früher mit Vladimir Shishov als Partner.

Nach langer Verletzungspause hat Konovalova schon als Aurora in „Dornröschen“ gezeigt, dass sie nichts an Technik verloren hat jedoch an Ausdruckskraft und Rollengestaltung gewonnen hat. Nicht gleich verliebt und hingebungsvoll, ist sie eine kühle Schwanenprinzessin, wehrt sich gar ängstlich gegen die Avancen des Prinzen (Vladimir Shishov). Vielleicht wird diese Odette in den europäischen Versionen  viel zu mit romantischen Gefühlen beladen. Bei Licht besehen und von Konovalova getanzt, geht es der Gefangenen doch einzig um die Erlösung von dem Zauber, den Rotbart über sie verhängt hat. Auf den ersten Blick einschießenden Liebesgefühle sind da nebensächlich.  Nicht nur die schwarze Odile, auch Odette will, ja muss den Mann verführen, sie will befreit werden, nicht mehr Schwan sondern Menschenkind sein. Prinz Siegfried aber, wesentlich sicherer von Shishov getanzt als bei der Premiere, zeigt Gefühl, vor allem im 3 Akt, wenn die Konovalova als schwarzer Schwan Odile über die Bühne fegt. Der Prinz schmilzt dahin, vergisst seinen Schwur. Das Publikum tobt.

Konovalova hat ihn Shishov einen verlässlichen Partner, dreht ihre doppelten Pirouetten nicht nur sicher sondern auch überaus anmutig und rührt zu Tränen, wenn sie sich im letzten Akt vom untreuen Retter verabschieden muss. Die Chance ist vergeben, die Trauer in jeder Bewegung zu spüren. Die schöne Schwanin kann sich kaum von dem seine Treulosigkeit bitter bereuenden Prinzen trennen. Aber da taucht der furchterregende Rotbart auf, zeigt deutlich, dass die Schwanin ihm gehört. Vergeblich versucht der Siegfried sie ihm aus den Armen zu reißen. Das Böse siegt. Hier, am Ende des letzten Aktes, hat Manuel Legris noch nach der Premiere eine Änderung vorgenommen und lässt in einem aggressiven Pas de trois die beiden Männer um die Prinzessin raufen. Sie muss es geschehen lassen, ist bereits verloren und wird im Triumpf von Rotbart fortgetragen. Erst jetzt steigt das Wasser des Sees, in dem Siegfried versinkt, oder besser versinken soll. Der Ertrinkungstod liegt Vladimir Shishov, so sympathisch und locker er als von Odette und Odile begeisterter Jüngling wirkt, nicht wirklich. Doch der Blick ist ohnehin auf Konovalova gerichtet, die ein letztes Mal als Schwanenprinzessin am Ufer des Sees einem ungewissen Schicksal entgegen schwebt. schwanensee konovalovawei

Dass das Corps de Ballet die eigentliche Hauptrolle hat, wurde bereits nach der Premiere erwähnt, auch wie perfekt die vielen solistischen Rollen getanzt wurden. Besonders entzückt haben mich in der zweiten Aufführung, die GefährtInnen des Prinzen: Ionna Avraam, Kiyoka Hashimoto, Greig Matthews und Dumitru Taran (als Debütant) und die sechs Edelfräulein, von denen Siegfried eigentlich eine zur Braut wählen sollte: Maria Alati, Ioanna Avraam, Eszter Ledán, Reina Sawai, Rui Tamai und Nina Tonoli. Mit echt ungarischem Feuer tanzten Alice Firenze und Mihail Sosnovschi den Pas de Deus im Divertissement der „ungarischen Tänzer“ auf dem Ball im 3. Akt.

Der Applaus am Ende der Vorstellung, mit dem die „Tanzstadt Wien“ (Operndirektor Dominique Meyer) Liudmila Konovalova huldigte, stand jenem bei der Premiere in nichts nach. Ebenso rührend verletzlich als Odile wie eiskalt verführerisch als Odile, lässt die Konovalova ein Märchen wahr werden. Auch wenn es 50 Jahre nach der Uraufführung ein wenig anders erzählt wird als damals.

Wiener Staatsballett: „Schwanensee“, Wiederaufnahme in neuer Ausstattung, 2. Vorstellung am 18. März 2014 in der Wiener Staatsoper.