koeniginUraufführung am Grazer Opernhaus: Historisch belegte Fakten, die schon als Roman, als Oper und Drama sowie in mehreren Filmen Menschen immer wieder nachhaltig beschäftigt haben, wurden nunmehr in einer Interpretation des Grazer Ballettchefs Darrel Toulon choreographisch als „Tanzstück“ zu Musik von Sergej Rachmaninow umgesetzt.

Der Titel lässt vieles offen. Bei der Werkeinführung im Rahmen der Tanz Nite am 26.2.war dann bereits zu ahnen, dass es sich um eine Aufführung mit Gewicht und von Gewichtigkeit handle. Beim Lesen der 64-seitigen Programm-Broschüre (ob vor oder nach dem Vorstellungsbesuch - man sollte es tun!) wird klar, wie umfangreich und breit die Recherchen für dieses Werk gewesen sein müssen und dass also Tiefe zu erwarten sei. Und in der Tat: Die großen Themen in kongenialer Verbindung mit mächtiger Musik ergeben ein groß(artig)es Bühnenwerk.

Das Historiendrama dreht sich um die arrangierte Eheschließung zwischen dem jungen Christian VII, König von Dänemark und der noch jüngeren Caroline Mathilde von Hannover. Eine unglückliche Verbindung, deren Gedeihen an einem verkommenen Hof, an dem Machtkampf und Intrige an der Tagesordnung stehen, von vornherein zum Scheitern verurteilt ist. In der Person des deutschen Arztes Struensee wird dem übersensiblen, sich über Konventionen und Machtausübung hinwegsetzenden König - der weithin als geisteskrank angesehen wird – eine Hilfe an die Seite gestellt. Er wird dem König zwar zum Vertrauten, allerdings auch dessen Frau zum Liebhaber. Und nicht zuletzt kommt durch Stuensee ein brisanter politischer Faktor handlungsbestimmend ins Geschehen: das damals noch sensationelle Gedankengut der Aufklärung.
 
Toulon Musikauswahl aus dem Oeuvre von Sergej Rachmaninow – als Leitmotiv fungiert die „Vocalise“ für Violoncello und Klavier, op.34/14 – ist besonders überzeugend. Ihre Emotionalität und Kraft fügen sich abgesehen von der eigenständigen Interpretation des Grazer Philharmonischen Orchesters unter der Leitung von José Miguel Esandi großartig in die und zu den Spannungen des Bühnengeschehens, ergänzen und verstärken es, nicht zuletzt durch ihren szenischen Charakter, dem wie der Choreographie selbst auch Filmisches innewohnt.

Erstmals war In Graz Jürgen Kirner für das Bühnenbild verantwortlich; und es gelang ihm dabei eine ebenso zurückhaltende wie vieldeutige und funktionelle Lösung. Die Drehbühne ist gefühlsmäßig (!) im Dauereinsatz; doch wenngleich ihre Verwendung schon durch ein einziges Mal ein Zuviel sein kann, ist sie in diesem Fall ein stimmiger Teil der Hektik, des Zeitflusses, der anstehenden Verwandlung.

Zu dieser schwelenden Unruhe tritt das zumeist hohe Tempo der Aufführung; noch selten waren die TänzerInnen der Grazer Companie mit derartiger Dynamik zu erleben - sie unterstreichen damit ein Charakteristikum unserer Zeit. Dazu ergänzend ein Multitasking im weitesten Sinne: in den zahlreichen kleinen Szenen nämlich, die gleichzeitig zur Haupthandlung auf Nebenschauplätzen sich ereignen.

All dies steht wiederum im Gegensatz zum Statischen der barocken Gesellschaft; verkörpert einerseits durch die wortlos Menge der „Gaffenden“, der Mitläufer (Statisten in wunderbaren Barockkostümen), so wie durch das 6-köpfige, fast ausnahmslos als Einheit auftretende „ Kabinett“, das in scheinbarer Lethargie beobachtend verharrt, um im gegebenen Augenblick zur intrigierenden, hinterhältig agierenden, „anonymen“ Masse zu werden; allen voran Guldberg, großartig verkörpert von Michael Munoz.

Die gegebenen Antipoden werden schließlich noch durch die Kostüme von Elke Steffen–Kühnl auf der visuellen Ebene beeindruckend unterstrichen: das Wogen barocker Pracht im Kontrast zu den zeitlosen Bodys betont einerseits Zeitimmanentes im Gegensatz zu Allgemeingültigem, gleichzeitig das Einengende gegenüber dem Freien.

Die Fülle vielschichtiger Bilder entsteht freilich zu allererst in und aus der eigentlichen Choreographie: Toulon und seinen TänzerInnen gelingt es, selbst unter Reifröcken die Gegenwart hervor blitzen zu lassen. Denn auch wenn es sich formal um ein „Handlungsballett“ handelt, ist das Bewegungsvokabular wenn schon nicht „avantgardistisch“ so doch sehr wohl eines unserer Zeit. Womit Authentizität des tänzerischen Erzählens ins Spiel kommt, Inhalte herangezogen werden in das Jetzt, ganz wesentlich unterstützt durch das darstellerische Können der KünstlerInnen. Allen voran gilt dies für Albert Garcia als König von Dänemark, der die schwierige Gratwanderung zwischen Sensibilität und Unangepasstheit so wie Verlorenheit und Wahnsinn meisterlich tänzerisch wie mimisch umzusetzen versteht. Martina De Dominicis ist eine verletzliche wie selbstbewusst-starke junge Königin und als Liebende im großen Pas de deux mit dem kongenialen Michál Zábavik von faszinierender Erotik. Dass auch einigen der „ Nebenrollen“ in dieser die Liebenden fokussierenden Interpretation Aufmerksamkeit gezollt wird und damit weitere, nachvollziehbare Charaktere zu erleben, zeit- und ortscharakteristische Komponenten zu begreifen sind, trägt weiters zur hohen Qualität dieses Werkes bei.

Oper Graz: „Die Liebe einer Königin“, Uraufführung am 3. März 2014, weitere Vorstellungen: 13., 16., 28., 30. März, 2., 4., 5., und 9. April