ballettrheinAls Direktor und Chefchoreograf hat Martin Schläpfer das Ballett am Rhein mit einem sehr eigenständigen Profil ausgestattet. In einem umfangreichen und breit gefächerten Repertoire sind es vor allem seine Kreationen, die den Stil der Compagnie prägen. Dass er selbst eine Reihe von Einflüssen in seinen Werken vereint, war bei der Österreich-Premiere der fabelhaften Truppe im Festspielhaus St. Pölten ersichtlich.

Die Referenzen, die Martin Schläpfer in seinen Balletten verarbeitet sind wie Ausflüge in die Ballettgeschichte bis hin zu neuesten Tendenzen. Keine Frage, Martin Schläpfers Tanzidiom ist vielfältig. Die drei gezeigten Stücke aus seinem Werkkatalog stammen aus einem Zeitraum von zwölf Jahren. Bei aller Unterschiedlichkeit haben sie eines gemeinsam: die Musik steht im Mittelpunkt und sind auch für die Tänze titelgebend. Die ersten beiden Stücke des Abends, „Drittes Klavierkonzert“ (2000) und „Ramifications“ (2005) kreierte Schläpfer noch als Chef des Balletts in Mainz, wo er seinen künstlerischen Durchbruch hatte.

Bei den Mann-Frau-Beziehungen, die Schläpfer zu Alfred Schnittkes Drittem Klavierkonzert in Szene setzt, geht es um Machtspiele, bei denen die Frauen dominieren. Stellenweise denke ich bei dem Ballett an Lars van Triers Film „Nymphomaniac“. Doch es endet romantisch, wenn auch nicht glücklich: Sie sucht die Nähe des Mannes, den sie zuvor verstoßen hatte, doch kehrt dieser ihr nun resignativ den Rücken zu und geht ab. In ihrer Gestik und Körperhaltung erinnert die Solistin Yuko Kato an Martha Graham oder an die expressive Kraft des Butoh.

„Ramifications“ von Györg Ligeti ist eine Solo für die Tänzerin Marlúcia do Amaral. Im Einklang mit der musikalischen Struktur setzt sie ihren Spitzenschuh wie ein Perkussionsinstrument ein, dann scheint sie über sich selbst hinauszuwachsen oder in sich zusammenzuschrumpfen bis sie am Ende regungslos auf dem Boden liegen bleibt - ein sterbender Schwan in Goldlamé.

Die „Ungarischen Tänze“ von Johannes Brahms hat Schläpfer 2012 in nur vier Wochen choreografiert. Sie mussten eine andere geplante Arbeit ersetzen. Wie eine Nummernrevue reiht sich ein Ungarischer Tanz an den anderen. Hans van Manen und Balanchine werden zitiert, dann wieder fegt das Ensemble in der Ausgelassenheit des freien Tanzes über die Bühne. Zwischendurch sind Szenen zur aktuellen Beziehung Ungarns zur EU sowie folkloristische Versatzstücke eingebaut, die allerdings nicht entwickelt werden.  Die dramaturgische Stringenz der beiden vorangegangen Stücke vermisste man bei den „Ungarischen Tänzer“, die die Spannung über die 45 Minuten nicht halten können.

Freilich, Schläpfers musikzentrierten Choreografien wird die Musik vom Band nicht gerecht. Darauf kann man sich in der nächsten Saison freuen: Dann ist nämlich ein Gastspiel des Balletts am Rhein in Zusammenarbeit mit dem Tonkünstlerorchester Niederösterreich geplant.

Ballett am Rhein am 22.  Februar 2014 im Festspielhaus St. Pölten