GervasiIn einem Doppelprogramm kamen die neuen Arbeiten des italienischen Choreografen Roberto Zappalà und des in Wien lebenden Elio Gervasi im Wiener Odeon zur Uraufführung. Ein Abend konträrer Eindrücke unter dem etwas irreführenden Label „La Notte Italiana“.

Erstaunlich gut. Der österreichische Choreograf Elio Gervasi schafft es doch immer noch sich neu zu erfinden. Mit „the white horn“ schlägt er wieder einmal einen anderen Weg ein und verzichtet weitgehend auf das, wofür er bislang bekannt war: eine durchkomponierte Choreografie auf die Bühne zu bringen. Diesmal lässt er seinen Tänzerinnen freien Lauf. Er lässt sie improvisieren. Festgelegt sind dabei nur einige Parameter. Einer davon ist der Bühnenraum, ein Rechteck, das sich die Tänzerinnen zu Beginn mit Klebestreifen definieren. Wer sich aus  diesem Raum hinauskatapultiert oder von den Anderen hinausgedrängt wird, ist im Out und wartet auf den richtigen Zeitpunkt zum Wiedereinstieg. Die zweite Konstante ist der Sound von Alberto Castelló, der dezent im Hintergrund läuft. Der Rest ist weitgehend „up to the dancers“. Diese Form der Improvisation ist an sich freilich nichts Neues, doch so wie diese ausgezeichneten Tänzerinnen sie umsetzen, ist sie ein Paradebeispiel für den Tanz als nonverbale Kommunikationsform.

Gervasis Gruppe ist bestens aufeinander eingespielt. Die stärksten Akzente setzen Yukie Koji und Risa Larsen, aber auch Nanina Kotlowski, Clarissa Omiecienski, Hannah Timbrell und Leonie Wahl drücken dem Stück einen starken Stempel auf. Die sechs exzellenten Tänzerinnen schaffen es mit weniger Bewegungsphrasen einen Charakter zu etablieren, den sie an anderer Stelle neu definieren oder wieder aufnehmen werden. Die eine muss sich produzieren, die andere ist anhänglich bis lästig, eine ist abwägend, abwartend und ist da nicht eine Stalkerin unterwegs? Yukie Koji steigert sich aus präzisen Handgesten in einen sich ständig steigernden, hyperaktiven Drehtanz. Risa Larsens erhabene Attitude  weist sie als diejenige aus, die das Kommando führt (oder gerne führen möchte). Doch keine der Handlungen, die sie setzten ist aufgesetzt oder übertrieben, sondern authentisch. Fast möchte man sagen wahrhaft, denn die Tänzerinnen entwickeln sie aus einem inneren Bewegungsimpuls heraus. Eine knappe Stunde lang verfolgen und foppen sie einander. Sie spielen miteinander und mit dem Publikum.Oratorio

Eine Art Melodram brachte die Compangia Zappalà Danza aus dem sizilianischen Catania mit „Vienna/Oratorio per Eva“ auf die Bühne. In einem theatralen Rahmen, mit Musik von Monteverdi, live auf der Bühne gesungen, mit einer Originakomposition von Giovanni Seminerio, der auch als Violinist mitwirkte, fünf Statisten und einem Kind sowie einem ausgeklügelten Lichtdesign bewegt sich eine Tänzerin. Doch die Bedeutung dieses Unterfangens wird einfach nicht klar. Was will sie uns mit ihren Gesten sagen, mit ihren Worten „Eva ist einen Tag alt“? Was hat der Pathos zu bedeuten, mit dem die Statisten sie mit Worten wie „Madonna“, „Bellezza“, „Frau“, „Sünderin“ und das Kind mit „Mama“ ansprechen und doch ausdruckslos distanziert bleiben? Was, wenn sie wie in einem Krippenspiel salbungsvoll vor ihr niederknien? Das Oratorium hat da und dort schöne Bilder, doch ergibt keinen Sinn. Am Ende erzählt Eva ihre Geschichte von Missbrauch und wie sie diese, ein Teil ihrer Familiengeschichte, beenden will und wird. So wird in der Retrospektive einiges klar, doch während der Aufführung blieb das Publikum weitgehend ratlos. Dass diese Kreation angeblich auf der eigenen Erfahrungen der Tänzerin Maud de la Purification aufbaut, ist in deren Performance nicht erfahrbar gewesen. Ebenso unklar und kryptisch wie das Stück war dazu der Text im Programmheft.

ImPulsTanz Special: „La Notte Italiana“, Ein italienisch-österreichischer Doppelabend. Compagnia Zappalà Danza: „Vienna/Oratorio per Eva“, Tanz Company Gervasi „the white horn“. Uraufführung am 3. Dezember, weiter Aufführungen 4. und 6. Dezember 2014 im Odeon