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moarViel gibt es über das Thema „Vergessene Frauen“ zu berichten - und Valentina Moar hat dazu viel zu sagen: mit und durch ihren Tanz sowie durch den von Francesco Collavino, mit und durch Texte, die Katharina Paul vortrug und mit und durch Live-Musik von Reinhard Ziegerhofer. Das die Studiobühne des MuMuth in Graz bis auf den letzten Platz füllende Publikum erlebte ein aufrüttelnd künstlerisches Statement aus einem Guss.

Zu viel gibt es über dieses Thema zu berichten und eben dieses Übermaß an Ungeheuerlichkeiten stellt Moar nichtsdestoweniger in einer guten Stunde auf die Bühne. Und diese harte, schwere Kost kommt außerdem auch noch an: weil Moar zutiefst glaubhaft sich absolut nichts schenkt und weil sie auch das Publikum nicht schont. Dieses wird bereits beim Eintreten von Fakten überschwemmt; vorgetragen von Paul in emotionslosem Ton und in Endlosschleife – wer wurde/wird schon im Alltag von diesen Fakten tatsächlich berührt? Fakten, die ohne Unterbrechung bis in das 2.Jahrtausend vor Christus zurückgehen, als etwa – das ist belegt – Mädchen in China ermordet wurden, weil man sie für wertlos erachtete.

Den messerscharfen Rahmen für die Inszenierung, für die Moar ebenso verantwortlich ist wie für die Dramaturgie – Assistenz Bostjan Ivanjsic und Marco Schretter - bilden vier, rechts und links der Bühne sitzende, schweigende Frauen, die sich das Geschehen mit unbewegter Miene bis kurz vor dem Schluss ansehen, in der Eingangsszene dramatisch unterstrichen von drei am Boden liegenden, tonlos schreienden Frauen. Die nun folgenden Szenen werden in zurückhaltend eingesetztem Licht (Ralf Beyer) immer wieder von Ziegerhofers Spiel auf dem E-Bass in der ihm ureigenen Art faszinierend begleitet: gleichermaßen einfühlsam wie unbarmherzig das Visuelle verstärkend.

Zwischen den getanzten Szenen oder aber auch gleichzeitig mit diesen trägt Katharina Paul nüchterne Texte vor, die von Frauenschicksalen berichten; Unsagbares durchwegs und im Grunde auch ungeeignet für die Bühne. Aber es gelingt ihr nach Vorgaben Moars fulminant, die Inhalte immer wieder mit einer alltäglichen Form von Leichtigkeit zu vermitteln, zum Teil mit Charme, ja sogar mit Humor: that’s life – nicht mehr und nicht weniger! Der von Paul derart vorgehaltene Spiegel droht so manches Mal vor Intensität ebenso zu bersten wie jener, dessen sich Moar bedient, wenn sie etwa durch nichts anderes als die Bewegungen ihres Rückens oder, in einer der letzten Szenen, durch ihr Mienenspiel die Geschundenheit von Frauen veranschaulicht. Oder wenn sie deren Hilflosigkeit durch kleine Bewegungen am Boden liegend zu himmelschreienden Äußerungen werden lässt – ihre immense
Körperbeherrschung und die Kreativität in ihrer sensiblen Körpersprache bieten ein sehr weites Spektrum an Ausdruckspotential.

Collavinos darstellerisch feine und tänzerisch explosive Bühnenpräsenz ist Moar hier eine ideale Ergänzung, ein idealer Partner: Des Mannes Spiel mit seinen „Puppen“ – sowohl eine Barbie wie auch eine Geh-Puppe finden als fast einzige Requisiten ihren berechtigten Platz –, sein nahezu bedauernswertes Nicht-Begreifen, sein aggressives Agieren, all dies ist nicht nur von hoher Qualität von Collavino realisiert, sondern auch dramaturgisch klug in unterschiedlichen Rollen und Auftritten eingesetzt: Der Mann, der sich nicht nur ungehemmt im fremden Eiskasten, sondern auch an der Frau bedient (aus dem vorgetragenen Text) wird hier in abstrakter Umsetzung sehr konkret.

Wenn am Ende die vier bislang passiv zusehenden Frauen sich endlich zum Handeln durchringen und sich schützend vor die Frau stellen, ist dies in diesem Augenblick zwar nicht unmittelbar schlüssig. Dennoch macht es Hoffnung, setzt nach all dem, was an auswegloser Fülle bislang passiert ist, nun doch auch einen positiven Gedanken, eine andere und glücklicherweise in der Realität sehr wohl auch vorhandene Perspektive.

Valentina Moar: "Vergessene Frauen" am 29. November 2014 im MuMuth