jeftaateo1 evawurdingerBetörend und verwirrend, magisch und beängstigend wirkt Jefta van Dinthers neuestes mit fünf TänzerInnen erarbeitetes Stück „As It Empties Out“. Zum Auftakt der Europa-Tournee fand die Uraufführung dieser bisher größten eigenen Produktion des Choreografen und Tänzers im Tanzquartier Wien statt.

Aus Stille und Finsternis löst sich allmählich ein Wesen auf zwei Spinnenbeinen. Auf hohem Kothurn mit kohlschwarzem Blick unter dem wirren Haar stelzt Roger Sala Reyner vor dem Vorhang auf und ab, der die Bühne teilt und verdunkelt. Sätze drängen aus seinem Mund, verständlich anfangs – "give your self", "kill your self" –, immer mehr verformen sich die Silben und Laute, immer schneller skandiert der Tänzer seine längst unverständlichen Beschwörungsformeln. Ein beängstigendes, belästigendes, intensives Ritual, das sich steigert bis zum unaufhörlich rhythmischen Gesang. Bevor Hysterie im Publikum ausbricht, beendet der Mönch in kurzen Hosen, die Spinne mit den nachtschwarz funkelnden Augen, der aus der Hölle gestiegene Gott, seinen Gesang in fremder Sprache, hebt den Vorhang um andere Körper hervorkriechen zu lassen. Jefta van Dinthers Choreografie versetzt das Publikum in Trance. Wenn es nur den Mut hat, sich auf die wechselnden, unscharfen Bilder einzulassen.

Männer und Frauen (Linda Adami, Thiago Granato, Naiara Mendioroz Azkarate, Eeva Muilu, Roger Sala Reyner und Jefta van Dinther) winden und krümmen sich zu sonderbaren Skulpturen, recken die Arme, fallen übereinander her, halten inne und ich weiß nicht, ist es Krieg oder Liebe. Präzise meißelt van Dinther die Körper, stellt sie als bewegliche Skulpturen auf den leeren schmalen Bühnenraum. Lässt sie aufleuchten und im Dämmerlicht zerfließen, tanzen und wieder erstarren. Ein skurriler Traum läuft vor den Augen des atemlosen Publikums ab. jeftaaieo2 evawurdinger

Aufwachen und gleichzeitig weiter träumen. Tatsächlich wie im Traum wechselt der Choreograf die Bilder, stellt Fragen, antwortet nicht; gibt Rätsel auf, löst sie nicht. Immer unerklärlicher und düsterer werden die Bilder, die mich der Choreograf träumen lässt. Körper tauchen auf, verlieren ihre Kontur, verschwinden, um gleichzeitig an anderer Stelle wieder aufzuleuchten. Rhythmisch sich steigernde Musik wechselt mit hörbarer Stille, das Dunkel ist greifbar, der Traum ist zum betörenden Albtraum geworden.. Das Unheimliche wird vertraut und wenn am Ende eine Frau, zusammen gekrümmt unter ihrem Pelzumhang in einer sanften roten Lichtkugel, mit brüchiger Stimme von den Problemen am Theater erzählt und wie es sich anfühlt eine Figur sein zu müssen, die man gar nicht mag, habe ich mich in diesem Kino der Träume schon eingerichtet, will keine Rätsel mehr lösen, warte nicht mehr auf Antworten. Die Musik wird lauter, die Stimme leiser, die Wörter unverständlicher, der Körper löst sich auf im schwindenden Licht.

Übereifrige Klatscher werden nieder gezischt. Erst wenn die Tänzer und Tänzerinnen, nun keine Kreaturen, Skulpturen, unfassbare Wesen mehr, sondern Darsteller, die sich verausgabt haben, ihren Körper und auch ihren Geist eingesetzt haben und intensives Theater, Traumtheater, zu machen. Dieses großartige und verwirrende Kino wäre ohne die renommierte finnische Lichtdesignerin Minna Tiikkainen nicht möglich. Ebenso wie der Sounddesigner David Kiers begleitet sie die Arbeit Jefta van Dinthers seit seinen Anfängen. Beide Künstler kennen die Grundidee seiner Choreografen: Licht, Ton, Bewegung sind eine Einheit, oft kommt auch noch Material dazu (diesmal eine überlange Metallstange, mit der sich die TänzerInnen plagen), alles ist gleich wichtig. Und nichts, was wir wahrnehmen, ist sicher. Dennoch kann Jefta van Dinther mit seiner Arbeit süchtig machen.

Jefta van Dinther: „As It Empties Out“, Uraufführung am 17. Oktober 2014 im Tanzquartier Wien. Die Aufführung wird ermöglicht durch modul dance, ein von der EU gefördertes Kooperationsprojekt 20 europäischer Tanzhäuser.