jch haydenVeranstaltet vom Ballettclub stellten sich sechs Tänzer und eine Tänzerin als Choreografen vor. Bis auf einen, Trevor Hayden aus dem Corps de Ballet der Staatsoper, haben jedoch alle bereits choreografische Federn an den unsichtbaren Hüten. Eno Peçi und Andrey Kaydanovskiy darf man sogar schon als alte Choreografie-Hasen bezeichnen.

Hayden, der Neuling im choreografischen Experimentierfeld, konnte mit einer spritzigen Show überzeugen, in deren Mittelpunkt ein feinst ausgedachtes und präzise ausgeführtes Ballett zu acht Händen entzückte, auf allen Linien. Zu Mambo und Tango (Yma Sumac, Danny Malando und andere) tanzten Gala Jovanovic, Ryan Booth, Keisuke Nejime und Emilie Drexler, die 2013 das Staatsopernballett verlassen hat, als Gast. Hayden hat voll Rücksicht auf das Publikum den besonders originellen Teil seines abwechslungsreichen „Double Date“, den Tanz der Hände auf dem Tisch, mit Videobeamer auch für die hintersten Reihen sichtbar übertragen (Video Balázs Delbó). So flink bewegten sich die tanzenden Hände und auch die Beine der beiden Paare, dass man mit den Augen kaum folgen konnte. Ein gelungenes Debüt des Tänzers als Choreograf.

Samuel Colombet und Ekatarina Fitzka, Mitglieder des Corps de Ballet an der Volksoper, schöpften aus dem Katalog des klassischen Balletts. Colombet, der schon seit 2008 seine KollegInnen tanzen ließ, wählte ein weniger populäres Klavierkonzert von Sergej Rachmaninow und ordnete seine Choreografie für drei Paare (Ioanna Avraam, Suzanne Kertész, Mila Schmidt, Francesco Costa, Keisuke Nejime und Géraud Wielick) ganz der Musik unter. Ein wenig aufregendes aber ästhetisches Vergnügen, in stets wechselnder Geometrie, mit Soli, Pas de deux, Trios und einem überzeugenden Abschluss.

Attila Bakó (Corps de Ballett in der Staatsoper) hat für Tristan Ridel, Zsolt Török und Céline Janou Weder (die für die erkrankte Clara Soley eingesprungen ist) einen prägnanten Pas de trois ersonnen, eine Art Endzeitszenario mit Minimal-Music.  Bakó, der lange Zeit Mitglied des Stuttgarter Balletts war, schöpft aus einem reichen Bewegungskatalog und kann Spannung aufbauen. Der Inhalt von „The Fall“ hat sich mir nicht wirklich erschlossen. Keine Geschichte, lediglich Bilder aus dem „Pavillon 12/2“ zeigt Solotänzer (Staatsoper) Eno Peçi mit seiner düsteren Choreografie. Schnell ist zu erkennen, dass dieser Pavillon Psychiatrie-Patienten beherbergt. Mit leeren Augen staken sie durch ihren Alltag, Begegnung sind nur flüchtig, für heitere Momente sorgt Francesco Costa (Eingesprungen für Mihail Sosnovschi), der immer wieder unverhofft im rosa Tütü durch den Pavillon springt. Eingesponnen in eine eigene, nur ihnen bekannte Welt: Rebecca Horner, Nikisha Fogo, Masayu Kimoto und Peçi selbst. „Ich wollte nicht immer nur Schönes, Beruhigendes zeigen, sondern mich einmal auf die andere Seite begeben.“ Ein Spaziergang auf der Baumgartner Höhe hat Peçi zu seiner Choreografie inspiriert.
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Wodurch Andrey Kaydanovskiy zu seinem durchdachten, beklemmenden Stück „Love Song“ inspiriert worden ist, frage ich lieber nicht. Nina Simone sing „Ne me quitte pas“ (Jacques Brel) zum Stein erweichen. Der Verlassene betäubt sich mit Alkohol und Drogen, der Sieger (András Lukacs) schwelgt im Liebestaumel. Die Angebetete (Mila Schmidt) entpuppt sich als Furie. Wie man schon von anderen Arbeiten Kaydanovskiys weiß, liebt er die Doppeldeutigkeit und lässt es auch nicht an oft verstecktem Witz mangeln. Er selbst ist diesmal tanzender Charakterdarsteller;  das Duo Schmidt und Lukács zeigt sich von allen Seiten, humorvoll und dramatisch, wie es der Choreograf klug ausgedacht hat. Kaydanovskiy, der auch als Mitglied des Corps de ballet der Staatsoper immer wieder sein darstellerisches Talent zeigt, versteht es, eine Geschichte zu erzählen und hat bereits ein eigenes Bewegungsvokabular mit reichem Gestenschatz entwickelt. Doch stehen die Bewegungsabläufe nicht lediglich als guter Einfall im Raum, sondern erzählen die Geschichte und bieten, etwa im skulpturalen Pas de trois, überraschende Deutungsmöglichkeiten. „Love Song“ ist eine ausgereifte Choreografie, beklemmend und unterhaltend zugleich. Sie sollte nicht untergehen. jch bako

Zu guter Letzt sei noch betont, dass Choreografen und TänzerInnen ihre Performance unentgeltlich und in der kargen Freizeit erarbeitet haben. Dass ihnen allen der Ballettclub Wiener Staatsoper & Volksoper die Gelegenheit gibt, ihre Kreativität auch außerhalb des täglichen Betriebs zu entwickeln und zu zeigen, soll bedankt sein. Ballettdirektor Manuel Legris, hat nach den Aufführungen 2012, Peçi und Kaydanovskiy mit Arbeiten für „sein“ Wiener Staatsballett betraut und hatte es nicht zu bereuen. Auch diesmal war Legris anwesend. Es gibt gute Gründe, Grund, neuerlich eine Einladungen auszusprechen.

Ballettclub der Wiener Staatsoper & Volksoper: „Junge Choreographen '14“,Odeon, 28. September 2014.
Repriese: am 29. September.