parcours thomasjelinekAusgangspunkt: Theseustempel im Volksgarten. Angelpunkt: Die Ausstellung der Keramiken von Edmund de Waal, die von japanischer Töpferkunst beeinflusst sind. Kontaktpunkt: De Waals Großmutter, Elisabeth Ephrussi, verehelichte de Waal. Inspirationspunkt: Edmund de Waals Familiengeschichte, „Der Haase mit den Bernsteinaugen“, gelesen (auch) von Walter Heun, dem künstlerischen Leiter des Tanzquartiers. Die Verbindung aller Punkte: Ein Spaziergang.

Melancholie inbegriffen. Der Abend ist diesig und kalt, die Straßen sind nass, es nieselt. Das richtige Wetter um „durch das raschelnde Laub der Vergangenheit“ (zitiert von Anna Mendelssohn) zu spazieren. An fünf Stationen werden wir halt machen, um zu erleben, was Künstlerinnen und Künstler zu den vorgegebenen Punkten mitteilen wollen. Die zahlreichen MitarbeiterInnen, die an der Vorbereitung, Logistik und Begleitung, dieses Unternehmens beteiligt sind, werden durch die Menge der Wanderwilligen reich belohnt.

Grün, Blau, Schwarz, Weiß. Jeder Gast im Gedränge erhält  einen bunten Punkt aufs Revers, jede so entstandene Gruppe eine Führerin durch den Dschungel der Erinnerungen. Weiße  Luftballons werden verteilt. Hasen sind das mit langen Ohren und bauchbepinselt: "Angst". Damit an den Punkten des Innehaltens, Schauens, Hörens und Nachdenken kein Gedränge entsteht, starten die bunt markierten Gruppen samt ihren über den Köpfen schwebenden Angst-Hasen zu unterschiedlichen Zeiten und in unterschiedlichen Richtungen. Während der etwa zweistündigen Wanderung kreuzen sich immer wieder unsere Wege, wir grüßen unsere Gefährten.

Installation mit Champagner. Weil ich keine Wahl habe, meine ich, meine Gruppe (grün, von Julia Szewald geleitet) hat den besten Weg gewählt. In der dynamischen Skulptur (mit lebenden Figuren) von Thomas Jelinek ist für manche Gäste ein Glas Champagner enthalten. Der freundliche Diener hält mich für würdig. Im Palais Ephrussi, wo die Geschichte der de Waals ihren Anfang nahm, scheinen mir die thematischen Fäden exemplarisch vorgegeben: Vergangenheit und Erinnerung, Vertreibung und Flucht, das Verschweigen der Wahrheit. Ja, der Angst-Hase gehört dazu. An der Tür mussten wir ihn abgeben. Bei Feuergefahr wären die vielen luftgefüllten Hasen bedroht. Oder bedrohlich? parcours millibitterli

Weiter geht es durch den Park vor der Votivkirche ins Siegmund-Freud-Museum in der Berggasse. Im Hof begrüßt die bildende Künstlerin Ana Hoffner, führt uns über die Hinterstiege hinauf in den gut geheizten Gedächtnis und erzählt vom kobaltblauen Teller, den ihre Mutter bei der Flucht aus Ex-Jugoslawien als einziges Stück mitgenommen hat. Auch Anna Freud, die Tochter, wurde vertrieben. Die Migrationsgeschichten reihen sich zur beklemmenden Kette. Am Schottenring begegnen einander wieder die schwebenden Hasen, sie erregen Aufsehen, Unbekannte wollen auch einen für sich. Es gibt genug. Angst-Hasen!

Nie mehr Schule. In der Klasse des Schottengymnasiums (Leo Ephrussi ging hier zur Schule) unterrichtet Milli Bitterli, streng, unglaublich streng mit bösem Blick auf und ab marschierend, diese Lehrerin mag die Schülerinnen nicht wirklich und die Türken-Buben, die ohnehin nichts kapieren, schon gar nicht. Eine erschreckend aufklärende Unterrichtsstunde. Hoffentlich nur eine Performance.
parcours annamendelssohn

Doch Schule für Erwachsene, Sitzen in den alten Bänken, Blättern in den Büchern und Heften des Vormittagsunterrichts (schon wird auf die Finger geklopft), setzt Heiterkeit frei. Fröhlich plaudernd marschieren wir durch den sanften Nieselregen ins Café Griensteidl. Ana Mendelssohn wartet hier, der Herr Ober serviert ein Glas Rotwein, Ana erzählt von ihrer Großmutter Hilde Spiel und die erzählt von der ersten Republik. Sie musste sich vertreiben lassen und ist doch wieder zurückgekehrt. Das Wien ihrer Kindheit war nicht mehr da. Die Enkelin, Ana Mendelssohn, taucht in ihre eigene Kindheit ein und gesteht, dass manche Erinnerung trügt.

Die Letzte Station führt an den Ausgangspunkt zurück. Die Ein-Mann-Band Florian Kmet beendet den Parcours mit Gitarre und Gong.

Können wir aus der Vergangenheit lernen? Das Ende des Parcours (und der Beginn der Tanzquartier-Saison) in der mit Sound & Light zum Partykeller verwandelten Halle E lässt keine Antwort zu.

Tanzquartier Wien: Opening (Stadt) Parcours am 26. September 2014, in Kooperation mit dem Kunsthistorischen Museum, unter Mithilfe des Siegmund-Freud-Museums, des Schottengymnasiums und des Cafés Griensteidl.
Wiederholung am 27. September.

Buchtipp:
Edmund de Waal: Der Hase mit den Bernsteinaugen, Das verborgene Erbe der Familie Ephrussi Übersetzt von Brigitte Hilzensauer, Zsolnay, 5. Aufl. 2012. 416 S., ABB. ISBN : 978-3-552-05588-9
Taschenbuch, dtv 2014, 352 S., ISBN : 978-3-423-14212-0

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Der Hase mit den Bernsteinaugen: Das verborgene Erbe der Familie Ephrussialt