Koreabora„Light On – Light Off N° 7“, eine Anfang 2013 initiierte, international ausgerichtete Gastspielreihe für zeitgenössischen Tanz, bot als Höhepunkt ihres Jahresprogrammes im Benediktinerstift von Millstatt eine Österreichpremiere: In den vier unterschiedlichen Programmen junger Tanzkünstler aus Südkorea wurde beeindruckend vorgeführt, was heutiger Tanz von höchster Qualität sein kann.

Andrea K. Schlehwein, künstlerische Leiterin des Tanznetzwerks AKS, Choreographin, Regisseurin, seit 2012 Gastprofessorin für Choreographie an der renommiertesten Kunstuni Koreas, wollte in Nachfolge ihres biennalen Vorläufers „Positionen“, der Dialoge und Diskurse zu zeitgenössischem Tanz offerierte, in Kärnten die Möglichkeit zu kontinuierlicher Auseinandersetzung mit qualitätsvollem zeitgenössisch Tanz bieten. Nach Jahren der internationalen Tanzprogramm-Angebote mit Gästen aus Nachbarländern bis zu solchen aus Argentinien, Israel oder Taiwan entstand so in Zusammenarbeit mit Eleonore Schäfer diese Serie.

An breitem Interesse fehlt es nicht, wie sich nicht nur am Besuch, sondern auch am lang anhaltendem Applaus zeigt. So mancher Zuschauer wird sich von Künstlern dieser weit entfernten koreanischen Kultur gänzlich „Unbekanntes“ erwartet haben. Die Themen waren es sicherlich nicht, kreisten sie doch etwa um das Potential inhaltlicher tänzerischer Vermittlung, um Leben und Tod, um Selbstdefinition und um Fragen von Beziehungsqualitäten. Auch die Form selbst ist nicht grundsätzlich anders. Und doch manifestierte sich da etwas kaum Erlebtes: ein Engagement in der Vermittlung des jeweiligen künstlerischen Anliegens, das in dieser Intensität Seltenheitswert hat. Und damit, auch wenn das eine und andere aus Gründen der kulturellen Unterschiede unverstanden bleiben mag, nicht nur berührt, sondern auch etwas vermittelt, das beim Zuschauen etwas in Bewegung bringt.

Bora Kims Erkennen und Hinterfragen von Grenzen  tänzerischer Kommunikation hat zweifellos Berechtigung,  auch wenn körperliche Ausdrucksweisen mannigfach und immer kommunikativ sind. Insbesondere dann, wenn man über ein derart hochsensibles Können wie das ihre verfügt. Ihre unermüdlich tastend-pendelnde Suche nach auch nur einem kleinen, richtigen Ausdruck für das, was sie erlebte und sie bewegt, ist ausreichend für eine Flut von Gedanken und Gefühlen in jedem Betrachter. Die „raumlose“ Verortung ihres abgehobenen Taumelns (A.K.Schlehwein) ist ein weiterer, kongenialer Faktor ihres „A long talk to oneself“, in dem sie sich mit bester Zurückhaltung medialer Möglichkeiten unserer Zeit bedient.

Aufarbeitung von Erinnerungen, in seinem Fall an Zeiten als Concierge in einer Begräbnishalle, ist inhaltliche Basis-Struktur für die Choreographie Jin Ho Lim in „I go“ der Gruppe Goblin Party. Dabei will er weder Tiefschwarzes noch Triefendes vermitteln, sondern eine Lebensgegebenheit, was ihm mit gleichermaßen viel Humor, Lebendigkeit wie Ernsthaftigkeit gelingt. Die kaum je erlebte Dichte von Rhythmus und Dynamikvariationen, von einer Buntheit des Neben-, Mit-, Zu- und Voneinander der Tänzerarrangements lässt die Augen rauchen - nicht zuletzt, weil das Können der drei TänzerInnen einfach nur staunen lässt.

Geprägt von Reduktion mit höchster Bewegungstechnik ist das Solo „Not I“ von Young Hyun Choi. Eine Hinterfragung des Ich und seinen Wesenheiten einerseits, der Trauer, Depression und des Breakdowns andererseits. Bei diesen Emotionen handelt es sich um solche, die in dieser Kultur nicht wirklich bewusst sind, also eigentlich nicht existieren. Ihr Erkennen und noch mehr ihre künstlerische Darstellung ist damit eine besonders schwierige, umso bemerkenswerter das Ringen darum bzw. die gezeigte Umsetzung.Koreamodern

Weitgehend jedem vertraut ist die Thematik von Zwischenmenschlichem, wie sie Hyun Ho Kim und Seung Hyun Kang in der Choreographie „Modern Feeling“ von In Soo Lee zeigen. Allein auch hier ist die Tanztechnik von einer selten zu sehenden Perfektion: Jede Bewegung sitzt im Kleinsten – in der Zeitlupe wie im atemberaubenden Tempo dieses Gefühlskaleidoskops zwischen Desinteresse und Zuneigung, Machtkampf und Gleichgültigkeit, Anteilnahme und Ablehnung. „Unglaublich“ ist eine der vielen Reaktionen und steht stellvertretend für anderes, sprachlich nicht Benennbares.

Eines scheint mit dieser Folge von Light On – Light Off endgültig bewiesen: Über Bewegung und Bewegendes im internationalen, zeitgenössischen Tanz kann und soll und muss man sich (auch!) hier informieren.

Light On – Light Off N° 7: Young Korean Choreographers, 3. und 4. September 2014 im Benediktinerstift Millstatt. Eine Veranstaltung des Netzwerk aks. Büro für Tanz, Theater, Produktionen