ivanamllerChoreografierte Mengenlehre. Ivana Müller spielt im brut im Künstlerhaus mit zehn PerformerInnen mathematische Gruppen-Spiele. Ausgehend von einem gemeinsamen Nenner und einem kollektiven, gesellschaftlichen „Körper“, suchen die SpielerInnen nach dem Einzigartigen, das sie von der Gruppe unterscheidet.

Im ersten Spiel kriecht ein 335 Jahre alter, 634 kg schwerer, 90%ig europäischer „Gemeinschaftskörper“ über die Bühne, wie eine Stimme erklärt. Unter der Plane, die den Körper bedeckt, zeichnen sich die beteiligten Einzel-Körper ab. Im zweiten Spiel löst sich der Gemeinschaftskörper zu einer Gemeinschaft von zehn Persönlichkeiten auf, die sich als einzigartig, unabhängig, rebellisch und anspruchsvoll deklarieren. Erst als sich einer der Gruppe als Pazifist zu erkennen gibt, beginnt der einheitliche Gemeinschaftsgeist zu bröckeln. Ein Gruppenmitglied bricht weg und eröffnet eine neue Gruppe. Die nachfolgenden „Abtrünnigen“ gesellen sich zu diesem, in einen zweiten, am Boden gezeichneten roten Kreis und bilden wieder eine gemeinsame Gruppe. Es ist die Gruppe der „Outsider“, das verbindende Element ist, dass sie sich nicht mehr mit der ursprünglichen Gemeinschaft identifizieren können. Wer als letzter im ursprünglichen Kreis auf der Bühne bleibt, nennt sich stolz Gewinner, weil er etwas gefunden hat, dass ihn von allen anderen unterscheidet.

Es folgen weitere Spiele diesr Art, die Verbindendes und Trennendes in einer Gruppe von zehn ausgeprägten Persönlichkeiten aufspüren. Es wird nach bestimmten Regeln gespielt, in einem klar deklarierten Setting auf der Bühne, in verschiedenen, genau definierten räumlichen Formationen. Was repräsentieren wir und wie werden wir repräsentiert, das sind die Fragen, die Ivana Müller stellt.

Mit ihrer Arbeit hat die Choreografin, die weniger Körper choreografiert, als räumliche Situationen konzipiert und soziale Konstellationen abbildet, ein durchaus erfrischendes und humorvolles Bild einer demokratischen Gesellschaft kreiert. Einer Gesellschaft, in der das „Ich“ zwischen dem Wunsch nach Gemeinschaft und dem Wunsch nach Individualität zerrissen scheint. Und in der die Akteure sich zuweilen mit den gerade verfügbaren gesellschaftlichen Rollen arrangieren (müssen).

Ivana Müller, „In Common“, brut im Künstlerhaus am 4.12.2013, www.brut-wien.at