sturmgrazMachtvolle Uraufführung auf der Studiobühne der Oper Graz, begegnungsreich außerdem - ist dieses zweigeteilte Programm doch ein gemeinsames Projekt der Grazer Tanzkompanie und des Slovenské divadlo tanca aus Bratislava. Die strukturellen wie künstlerischen Ähnlichkeiten in beiden Kompanien haben ihre Leiter Darrel Toulon und Ján Durovcik veranlasst, einen Abend mit jeweils einer eigenständigen Choreographie und mit den TänzerInnen des anderen zu gestalten.

Shakespeare als literarischer Hintergrund war beiden Choreografen ein großes Anliegen: MACHT prangt nun vielfach in großen Lettern, in Großbuchstaben, auf dem roten Programmfolder, an die Seite gedrängt und klein verliert sich (das Wort) „Mensch“. Dieses Thema tänzerisch auszuleuchten war von Beginn an der stringente rote Verbindungsfaden - und findet sich auch als ein solcher in der Umsetzung: als vielfach verschlungener und mannigfach verknoteter, aber nie loslassender.

Eröffnet wurde mit der Choreographie von Darrel Toulon nach Shakespeares „Der Sturm“. Im Zuge von Toulons literarischen Recherchen hatte sich neben der Macht-Thematik die des Fremd- und damit zumeist Ausgestoßen-Seins herauskristallisiert, und damit als Gesamtthema das einer intendierten Machtausübung allem „Andersartigen“ gegenüber - in einem weiteren Sinn also das der Ausgrenzung. Dass damit der von beiden Choreographen angestrebte Gegenwartsbezug noch weiter unterstrichen werden konnte, ist offensichtlich.
Grundsätzlich sehr überzeugend die sechs ausgewählten TänzerInnen: Silvia Beláková, Viera Bieliková, Adriana Pinkova, Ivan Martiš, Miroslav Martinovic, David Schimmer, allesamt darstellerisch sehr präsent und mit viel tänzerischem Können, das überdies durch Leichtigkeit in der Bewegung auffällt. Und das bei einer Dynamik, die (insbesondere im ersten Teil) gemeinsam mit sehr intensiver Musik dem Zuseher fast den Atem nimmt, was allerdings auch zur Folge hat, dass dieses Karussell der Aggression sich ein wenig zu oft in seinen Kreisen dreht. Sehr gelungen aber so manch andere Szenen wie der Pas de trois der jungen Männer etwa und auch kleinere, kreative Einzelentwicklungen und einprägsame, zarte Bilder. Die Thematik ist von Beginn an griffig auf die Bühne gestellt und das positive Ende nach dieser Ansammlung aggressiver Potentiale auf jeden Fall erleichternd. Insgesamt hätte ein bisschen weniger an deutlichen Gegenwartsverweisen der Wirkung des hochaktuellen Themas keinen Abbruch getan.

richardgrazJán Durovciks fokusiert in seiner, nach Motiven von Shakespeares „Richard III“ entstandenen Choreografie die Perspektive der Vernichtung durch und für Macht: Was ist über die Jahrhunderte gleich geblieben, was hat sich verändert? Die gegebene Antwort ist eine eindringliche: Weil die von ihm gewählten Tänzer der Grazer Cie - Kristina Aleksova, Laura Fischer, Claudia Fürnholzer, Serge Desroches, Bostjan Ivanjsic, Michál Zábavík - die hohen Anforderungen an tänzerisches Potenzial , an die Sprachhandhabung und an performative Mittel erfüllen können, weil der Protagonist, Bostjan Ivanjsic, seinen Part mit nicht nur tänzerisch (etwa das Eröffnungssolo), sondern vor allem auch mit beeindruckender Darstellungsstärke meistert (was ihm einen Sonderapplaus einbrachte), und weil die präsentierte Inszenierung tief hineinführt in gleichermaßen tradierte wie allgegenwärtige menschliche Abgründe. Schritt um Schritt tut sie es, das heißt: neben einer Palette von Darstellungsmitteln (Videoeinblendungen, Sprache, Gesang, Schrift, Showeffekte, Musik …) sind es vor allem tänzerische, die sich unaufhaltsam fließend drehen und Akteure wie Publikum mitnehmen und mitreißen, beispielhaft hervorzuheben die Pas de deux des Protagonisten mit Fürnholzer oder mit Zábavík, aber auch die performative Endszene, die trotz ihrer Art von Versöhnlichkeit die Kälte im Zuseher noch höher kriechen lässt, die Einprägsamkeit des Gesehenen, die Denkanstöße verstärkt.

Eine Konzeptidee, die überzeugend aufging und etwas Grenzübergreifendes aus einem Guss entstehen ließ – das markant einfache und funktionale Bühnenbild von Martin Cerny aus gleichen Teilen für beide Produktionen sei als letzter Faktor dafür angeführt.

„Macht.Mensch“, Uraufführung am 20. Oktober in der Studiobühne der Oper Graz. Weitere Vorstellungen am 22., 24., 27. Oktober, 9. und 10. November 2013