othelloIn seiner 1985 uraufgeführten Version von Shakespeares „Othello“ gilt John Neumeiers Interesse dem vielschichtigen und subtil verflochtenen Beziehungsgefüge der vier Hauptcharaktere des Dramas. Seine Choreographie ist ein verstecktes Kammerspiel. Und ein meisterhaftes, berührendes Tanzstück. Auch nach dem Umzug von der Kampnagelfabrik auf die Bühne der Staatsoper!

Das psychische Interieur des zentralen Quartetts, bestehend aus Othello, Desdemona, Jago und Emilia, bildet den Mittelpunkt der Inszenierung. Trotzdem gibt es eine dramaturgische Abfolge, die sich relativ genau an der literarischen Vorlage orientiert. Neumeier hat das Stück für die beiden Orte der Handlung, Venedig und Zypern, in jeweils zehn Szenen unterteilt. Auch sind alle wesentlichen Rollen aus Shakespeares Stück übernommen und für den Fortgang der Geschichte von Bedeutung.
Zu Arvo Pärts „Mirror in a Mirror“ zeigen Hélène Bouchet und Amilcar Moret Gonzalez, ehemals fest im Ensemble, jetzt als Gast, einen anmutigen Pas de deux, entrückt und ganz vom Geheimnis des anderen eingenommen. In der suggestiven Kraft dieser Musik stehen sich Desdemona und Othello anfangs gegenüber, ohne sich zu berühren. Eine zarte Distanz, die eigentlich schon aufgehoben ist. Durch ihre verlangsamten Bewegungen erlangt diese Choreographie eine große Intensität und Intimität. Othello schenkt Desdemona das einzige Kleidungsstück, das er am Leib trägt, ein Seidentuch. Nicht Shakespeares Taschentuch ist es, sondern dieses Seidentuch, das in der weiteren Geschichte von Leidenschaft, Eifersucht, Verrat, Intrige und Mord von Bedeutung sein wird. Im Liebestanz verbindet es Othello und Desdemona, aber es ist auch der falsche Beweis der Untreue, es ist Emilias Fund und Jagos Glück. Und es ist dieses Tuch, mit dem sich Othello am Ende selbst erdrosseln wird.

Neumeiers Bühnenbild ist schlicht gehalten, allein riesige Vorhänge mit Stickereien rahmen das Geschehen seitlich ein. Während Desdemona und Othello sich zu Beginn des Abends in einem betont langsamen Gestus einander annähern, tobt um sie herum ein wildes Durcheinander. Brüllend rennen die Soldaten, Tänzer der Moresca, mit ihren Gewehren herum, die venezianischen Bürger, ganz in luftigem Weiß, finden in immer neuen Konstellationen zu einem fröhlichen Reigen zusammen. Mittendrin die anderen Figuren des Stückes, Brabantio, Cassio, Jago natürlich und Emilia. Auch die von Neumeier hinzugefügte Figur des wilden Kriegers mischt sich ins Gemenge.

Ein Zelt, aus weiß schimmerndem Stoff – die Wände lassen sich zum Zuschauerraum hin öffnen und schließen – gestaltet im zweiten Teil den Hintergrund der Bühne. Auf einer Empore ist nun das Orchester unter der Leitung von Garrett Keast untergebracht. Die beiden Geiger Anton Barachovsky und Joanna Kamenarska-Rundberg stehen direkt an der Brüstung. Wie schon im ersten Teil mit seinen verschiedenen Stilrichtungen und Rhythmen ist die klangliche Collage auch im zweiten beeindruckend in ihrer Vielfalt und gleichzeitigen Harmonie. Alfred Schnittkes 1977 entstandenes, wunderbares „Concerto grosso Nr.1 fügt sich gut zusammen mit den Kompositionen von Naná Vasconcelos und Arvo Pärt.  

Ausgangspunkt und zentrales Thema seiner choreographischen Lektüre des Stückes sei die „Unmöglichkeit, einen anderen wirklich zu kennen“, sagt Neumeier. Das Wissen über dieses Unvermögen bestimme die Geschichte von „Othello“. Aber ist das tatsächlich die Tragödie in der Tragödie? Oder sehnen sich Shakespeares Figuren nicht geradezu hinein in das verschwommene Terrain der Liebe, in Träume und Wünsche? Neumeiers Othello jedenfalls ist eine stimmig und nachvollziehbar fragile Persönlichkeit, die schwankt in ihren Emotionen, in ihrem Begehren. Oftmals sind es die kleinen, aber pointierten Gesten, mit denen Amilcar Moret Gonzalez den inneren Aufruhr seiner Figur darzustellen vermag. Der Ausdruck seiner verletzten Grenzen kommt aus unbekannter Tiefe. Das plötzliche Hassen, die Ablehnung erfassen seinen Körper. Auch Hélène Bouchets Desdemona kommt mit einem zurückhaltenden Körpergestus aus. Die Verschiebung in Othellos Verhalten spiegelt sich wider in ihren Bewegungen, in ihrem Gesicht. Die Paarszenen der beiden, meistens barfuß getanzt, sind vielschichtig. Einfühlsam und poetisch, dann wieder voller Tempo.

Gut besetzt ist auch die zweite wichtige Frauenfigur, Emilia. Bei Shakespeare mit eigenen Interessen versehen und Komplizin Jagos, bleibt Neumeiers Emilia allein die Rolle der unterdrückten Ehefrau. Carolina Agüero verleiht ihr Würde, aber auch eine Verzweiflung und Gedrücktheit, welche die despotische Kälte Jagos nur noch grausamer erscheinen lassen. Otto Bubení?eks Jago genießt die Qualen der anderen, sie sind seine Lust. Dieser Jago ist nicht so, wie wir ihn vielleicht kennen. Böse, aber charmant. Witzig und durchtrieben. So ist er nicht. In Bubení?eks Jago brodelt von Beginn an die Aggression und die Wut. Selbst seine geheuchelten Gesten der Demut und Ehrerbietung bleiben offen verachtend. Da passt es sogar, dass Neumeier ihm in diese Wiederaufnahme des Stückes ein Handy mitgibt. Schnell ein Foto von der leblosen Desdemona gemacht. Der Triumph ist perfekt.

Und der Wechsel des Spielortes? Von der Kampnagel in die Staatsoper. Die Kampnagelfabrik hatte 1985 noch nicht die große Bühne und den entsprechenden Zuschauerraum, wie wir sie heute dort vorfinden. Im Halbrund waren die begrenzten Stuhlreihen um die offene Bühne aufgestellt. Es gab zahlreiche Ein- und Ausgänge, unzählige Treppen. Neumeiers Inszenierung nutzte diese Offenheit perfekt. Vor fünf Jahren gab es eine Wiederaufnahme auf Kampnagel, längst erweitert um einen riesigen Zuschauerraum, sozusagen ein Schritt in Richtung Staatsoper. Und nun also im großen Haus. Klappt das? Ja, auch wenn sich keine neuen Facetten, keine neuen Blickwinkel ergeben. Der Zauber dieses besonderen Balletts wirkt auch dort. Vielleicht sogar überall.

„Othello“, Wiederaufnahme am 15. September 2013 in der Hamburger Staatsoper. Weitere Vorstellungen: 19., 22., 25.9.; 3.10. (2x) 2013 sowie 6.7.2014

Schnittke Akademie International (in Hamburg), 4.10.2013. John Neumeier spricht mit dem Verleger Jürgen Köchel über seine Zusammenarbeit mit Alfred Schnittke.