leroySeit den 80iger Jahren schon präsentiert das Internationale Sommerfestival experimentelle Tanz-, Musik- und Theatercompagnien. In diesem Jahr liegt der Fokus auf Produktionen, in denen die Grenzen zwischen den Sparten durchlässig bleiben und sich die Genres vermischen. Verschiedenste Produktionen stehen für diesen Anspruch. Darunter auch Xavier Le Roys großartige Performance „Retrospective“.

Gleich zu Beginn des auf Kampnagel beheimateten Festivals wurde Le Roys 2012 für die Antoni Tàpies Foundation in Barcelona konzipierte Arbeit als deutsche Erstaufführung in den Deichtorhallen gezeigt. In den Deichtorhallen? In diesen großen, weitläufigen Ausstellungsräumen in Hamburgs Zentrum? In einem Museum? Ja, genau! Denn der französische Choreograph positioniert den Tanz nicht auf der Bühne, sondern in den Räumen einer Ausstellung. Seine Performance findet ihren Platz in einer großen Maria Lassnig-Schau. Über 100 Werke, einige davon noch nie gezeigt, sind hier zu sehen. Da wandelt der Museumsbesucher durch die faszinierende Bilderwelt der österreichischen Künstlerin und von Ferne hört er Stimmen und seltsame Klänge. Musik ist es nicht, eher ein merkwürdiger Pfeifton, der wie eine Sirene klingt. Neugierig nähert man sich dem am Ende der Ausstellung gelegenen Raum. Wird dort ein Film gezeigt? Nein, keine Leinwand, nichts ist hier als die weißen Wände. Zögerlich schaut man hinein – und wird von den Tänzern sogleich begrüßt und freundlich eingeladen.

Immer vier von insgesamt zehn Tänzern sind im Raum. Während der kompletten Öffnungszeiten des Museums erzählen sie den Besuchern von ihrem persönlichen Rückblick, ihrem Weg zum Tänzerberuf, ihrer Zusammenarbeit mit Le Roy. Zwischendurch wird getanzt. Ausschnitte aus Solo-Choreographien Le Roys, zwischen 1994 und 2009 entstanden. „Darf ich mich vorstellen? Ich würde Ihnen gern etwas vortanzen.“ Man wird in die Mitte des Raumes gebeten, nein, nicht an die Wand drücken und abseits bleiben. Ein Nicken, eine leise Zustimmung reicht schon als Aufforderung zum Tanz. Die eintretenden Besucher aktivieren durch ihre Anwesenheit die choreographischen Sequenzen. Sie verkürzen und beenden sie aber auch, indem sie sich abwenden, den Raum verlassen. Das ist für Tänzer und Besucher gleichermaßen eine Herausforderung. Die Tänzer müssen mit einer für sie ungewohnt großen Offenheit der Situation zurechtkommen. Sich auf immer neue Reaktionen und Konstellationen einstellen. Aber auch der Besucher muss sich erst orientieren. Eine solche Nähe zwischen Akteur und Zuschauer kennt er nicht vom Theatersaal. Wie sich also verhalten? Ist es unhöflich, wenn ich jetzt gehe? Kann ich diesem Bericht nochmals zuhören? Soll ich antworten? Es ist eine spannende Situation, die für viele Überraschungen gut ist. Und die gleichzeitig genau und detailliert einstudiert wurde. Nach längerem Verweilen werden klare Vorgaben und Strukturen erkennbar. Ein Wechsel im Ablauf wird zum Beispiel durch den schrillen, zwischen den Zähnen herausgepressten Signalton eingeleitet, den der Besucher schon beim Eintritt ins Museum vernommen hatte. Ein Tänzer beginnt, die anderen stimmen ein. Dann rennen sie aus dem Raum und kehren sogleich zurück, diesmal sich auf Händen und Füßen heranschleichend.

Manche Besucher, die das Werk Le Roys kennen, werden zahlreiche Ausschnitte aus seinen Stücken entdecken. So zum Beispiel eine Szene aus „Self Unfinished“ (1998). Eine Tänzerin zieht mit einem Ruck ihr schwarzes Oberteil über den Kopf, drückt die Hände auf den Boden, verharrt in dieser Pose. Letztlich aber ist es nicht wichtig, ob man die choreographischen Sequenzen bereits gesehen hat oder nicht. Diese Retrospektive versteht sich keineswegs als Aufzählung des Geschaffenen. Im Gegenteil. Le Roys Performance ist ein eigenständiges Werk, in dem die Choreographien neu zu erleben sind. Die Beziehung zwischen Zuschauern und Tänzern interessiert Le Roy dabei schon lange. Die so genannte vierte Wand, jene Grenze, die zwischen Darstellern und Zuschauern besteht, wird in seinen Stücken verschoben und verändert. Er kann sie, wie er sagt, nicht auflösen. Aber er kann mit ihr experimentieren. Und seine Arbeit klingt lange in dem Besucher nach. Eigentlich möchte man nach Verlassen des Ausstellungsraumes am liebsten gleich wieder hineingehen. Um weitere Soli anzuschauen und den biographischen Erzählungen anderer Tänzer zuzuhören.

Natürlich kann sich Le Roys Konzeption nicht unmittelbar auf die jeweilige Ausstellung beziehen, in deren Kontext sie gezeigt wird. Das ist ja nicht möglich. Und doch besteht in den Hamburger Deichtorhallen eine klare Verbindung. Die Biographie als Ausgangspunkt, das gilt für Lassnig ebenso wie für Le Roy. Ob erzählt, getanzt oder gemalt. Hier passen die Künste gut zusammen.

Hamburger Deichtorhallen: Xavier Le Roys „Retrospective“ bis zum 25.8.2013; „Maria Lassnig. Der Ort der Bilder“ bis zum 8.9.2013. Öffnungszeiten Dienstag – Sonntag 11-18 Uhr.
Internationales Sommerfestival auf Kampnagel: bis zum 25.8.2013