ultimavez Extremer Körpereinsatz, Spiel mit Gefahren, Situationen, in denen immer wieder Grenzen überschritten werden: Choreograf Wim Vandekeybus / Ultima Vez reißt das Impulstanz-Publikum im Wiener Volkstheater mit der Neubearbeitung seines 1987 uraufgeführten Erstlingswerks „What the Body does not remember“ auch heute noch zu Jubel hin.

Unkontrollierbare Momente im Leben, in denen etwas umschlägt, interessieren Vandekeybus bei seiner Arbeit: „Der Punkt, an dem etwas anderes über dich entscheidet – wie wenn die Liebe über dich hereinbricht, oder der Augenblick, bevor der Unfall geschehen sein wird; sie erscheinen plötzlich, ohne Ankündigung.“ Wichtig ist ihm das Extreme, der eine Moment, in dem eine Situation kippen kann und diese Momente lotet Vandekeybus in unterschiedlichen, aneinandergefügten Sequenzen aus. Diese haben durchaus humorvolle Komponenten, aber binnen weniger Sekunden kann die Situation in bitteren Ernst umschlagen.

Im ersten Bild zeigt Vandekeybus zwei „Sprinter“ der anderen Art, sie bewegen sich horizontal auf der Bühne. Lichtstreifen am Boden symbolisieren Bahnen, auf denen die beiden Sportler quasi von „Fingerzeigen“ einer an einem Pult sitzenden Tänzerin angetrieben werden. Wischen, Klopfen oder Schläge, die Geräusche der Hände auf dem Pult werden von den zwei Tänzern am Boden augenblicklich in Bewegungen umgesetzt. Sportliche Hochleistungs-Präzisionsarbeit mit einem Hang zu Sadismus, bei dem eine Frau tatmächtig Herrin der Befehle ist.

Das zweite Bild beginnt humorvoll, wenn die TänzerInnen sich emsig ihren Weg über die Bühne mit Gipssteinen auslegen, um von einem Ende zum anderen zu gelangen. Doch die Spiele werden immer riskanter, die TänzerInnen werfen einander in schneller Abfolge durch den Raum laufend die Steine zu, ein falscher Griff, eine Sekunde mangelnde Konzentration könnte einen Unfall hervorrufen. Die Gefahr wird ausgereizt, wenn die TänzerInnen die Steine über ihre Köpfe werfen, ohne Anstalten zu machen, diese auch wieder zu fangen. Im letzten Augenblick werden sie von jemandem aus dem Team aus der Gefahrenzone gezogen.

In einem anderen Bild spielt Vandekeybus mit alltäglichen Situationen auf der Straße, Menschen passieren einander und ehe man es sich versieht, wechseln Kleidungsstücke den Besitzer oder Paare den Beziehungsstatus. Ein Spiel mit bunten Handtüchern wird zu einem Spiel von Kleptomanie, in dem der eine oder andere plötzlich in Unterwäsche weiterspaziert, während das Handtuch nun das Haupt oder die Lenden des anderen ziert. Auch anhand einer Leibesvisitation werden alle möglichen Facetten ausgelotet, wenn drei Frauen von drei Männern abgetastet werden: Vom brutalen Spiel, passivem Hinnehmen, wehrhaftem Widerstand bis zu zarter Sensibilisierung oder zaghaft beginnender Attraktion bis hin zu einem erotischen Tanz, wird der Grat ausgemessen, an dem die Emotionen umschlagen.

Der damals 24-jährige Vandekeybus hatte mit seiner ersten Arbeit schlagartig internationalen Erfolg – und er schrieb damit schon in jungen Jahren Tanzgeschichte. Zuvor hatte er – nach einem abgebrochenen Psychologiestudium - bei Jan Fabres` ebenfalls geschichtsträchtigem „The Power of Theatrical Madness“, mitgewirkt, das im Vorjahr bei Impulstanz in neuer Besetzung gezeigt worden ist. Die Nähe zu Fabres Hochleistungs-Arbeitsstil ist in dieser Arbeit des jungen Vandekeybus auch deutlich merkbar, im Ausreizen der Situationen bis in alle Extreme und im Spiel mit Macht und sportlichem Wettbewerb. Was bei Letzterem in einzelnen Phasen vielleicht aber doch etwas zu breit ausgewalzt wurde, so dass sich durchaus auch zarte Ermüdungserscheinungen bei den ZuseherInnen bemerkbar machten, trotz stetem Spiel mit der Gefahr.

Ultima Vez / Wim Vandekeybus „What the body does not remember” am 17.7.2013 im Volkstheater, www.impulstanz.at