vaslawIm Mittelpunkt der in ihrer dritten Ausgabe besonders glanzvollen Saison-Abschlussgala standen drei bahnbrechende Persönlichkeiten des Tanzes: Namensgeber Rudolf Nurejew, dessen 75. Geburts- und 20. Todestag ein besonderes Jubiläumsjahr markiert, John Neumeier, der heuer sein 40. Jahr als Ballettchef in Hamburg feiert und der „Gott des Tanzes“, Vaslaw Nijinsky in dessen Ballett „Vaslaw".

Eigentlich begann die Nurejew Gala 2013 ganz konventionell: Zuerst ein Ausschnitt aus „La Sylphide“ mit Maria Yakovleva und Masayu Kimoto (der anstelle des verletzten Gastsolisten Mathieu Ganio tanzte).  Als Vorgeschmack auf die nächste Saison, in der Rudolf Nurejews „Schwanensee“ wieder aufgenommen wird, gab es den Pas de cinq aus dem ersten Akt, tadellos getanzt von Eno Peci sowie Ioanna Avraam, Natascha Mair, Davide Dato und Dumitru Taran. Kyrill Kourlaev und Irina Tsymbal waren in dem melodramatischen Pas de deux aus „Mayerling“, 2. Akt zu sehen.

Doch dann folgte mit „Vaslaw“ ein erster Höhepunkt. Denys Cherevychko stellte sich darin einer für ihn ganz neuen Herausforderung. Denn in diesem von John Neumeier als „Psychodrama“  bezeichneten Werk (1979) geht es nicht vordergründig um tänzerische Virtuosität, sondern um die Rollengestaltung einer Künstlerfigur zwischen Glanz und Abgrund. Da blitzt das eine oder andere Mal Tanzlust auf, um dann den Fantasmen eines geistig Verwirrten zu weichen, der – allein gelassen – auf dem Boden liegt, während die Geister seiner Vergangenheit um ihn herum tanzen. Cherevychko hat mit „Vaslaw“ ein neues Kapitel seiner Tänzerkarriere eröffnet, ist reifer und berührender Interpret geworden. Alle mitwirkenden TänzerInnen haben diesen Prozess mitgetragen, besonders aufgefallen ist das bei der jungen Halbsolistin Prisca Zeisel, die im Pas de deux mit Alexandru Tcacenco mit ungewohnter Ernsthaftigkeit tanzte und bei Masayu Kimoto als „Vaslaws“ Alter Ego. Wunderbar Igor Zapravdins Bach-Interpretationen auf dem Flügel auf der Bühne.

sylivaDass John Neumeier der Meister-Choreograf der Emotionen ist, wurde auch im zweiten Stück des Abends aus seiner Feder bewiesen, einem Pas de deux aus „Sylvia“ aus dem Jahr 1997, unvergleichlich und original besetzt mit Aurélie Dupont, Étoile der Pariser Oper, in der Titelrolle und Manuel Legris als Aminta. Neumeier kreierte zur Delibes’ Musik „Drei Choreografische Gedichte über ein Mystisches Thema“. In dem gezeigten Pas de deux scheint Aminta in einem Konflikt zwischen der Anziehung zu Sylvia und einer unsichtbaren Kraft zu stehen. Dupont und Legris bilden eine tänzerische Einheit und bezaubern das Publikum mit ihrem intensiven und perfekten Zusammenspiel. Der Ausschnitt macht jedenfalls Lust, das ganze Ballett zu sehen.

Der zweite Teil des Abends war sehr klug programmiert, denn auf das emotionale Duo folgte mit dem Pas de deux „Diana und Aktäon“ ein Showcase virtuoser Balletttechnik, fabelhaft und mit Gusto getanzt von Kiyoka Hashimoto und Mihail Sosnovshi. Der Reigen der Pas de deux wurde mit Variationen von Prinzessin Aurora (Maria Yakovleva) und Prinz Florimund (Robert Gabdullin) aus dem dritten Akt von „Dornröschen“ edel beschlossen. Dazu bildete Balanchines „Apollo“ mit Roman Lazik, Olga Esina, Nina Poláková und Ketevan Papava einen wunderbaren neoklassischen Kontrapunkt.

Rundum beglückend war der 3. Akt aus „Raymonda“ (Choreografie: Rudolf Nurejew), von der man sich nun eine baldige Wiederaufnahme ins Repertoire des Wiener Staatsballetts wünscht. Ein rundum animiertes Ensemble setzte mit großer Musikalität und viel Temperament Glasunows mitreißende Melodien in Szene, allen voran Olga Esina und Vladimir Shishov, aber auch Dagmar Kronberger, Davide Dato, Richard Szabó, Ioanna Avraam oder Alice Firenze, um nur einige zu nennen.

Mit solch zündendem Programm macht Ballettchef Manuel Legris die Nurejew-Gala zu einer unverzichtbaren Institution im Repertoire des Wiener Staatsballetts. Dabei ist ihm das Orchester der Wiener Staatsoper unter der inspirierten Leitung von Kevin Rhodes ein kongeniale Partner. Ob Schneitzhoeffer oder Tschaikowski, Liszt oder Strawinski, Delibes oder Glasunow, jede Musik wird hier lustvoll, engagiert und präzise gespielt. Die Qualität der Teamarbeit zwischen Orchester und Ballett hat sich in der Ära Dominique Meyer um ein Vielfaches stabilisiert, und die Begeisterung des Publikums war daher auch gerecht auf TänzerInnen und MusikerInnen verteilt.

Freilich hatte Manuel Legris an diesem Abend auch einige wohlverdiente Avancement-Ankündigungen in petto: Alice Firenze und Davide Dato wurden in den Solistenstand erhoben, Eszter Ledán, bisher im Corps de ballet, ist nun Halbsolistin.

Auf das bevorstehende dreiwöchige Gastspiel im Pariser Théâtre du Châtelet, wo unter anderen auch eine Nurejew-Gala auf dem Programm steht, ist das Wiener Staatsballett jedenfalls bestens gerüstet.

Wiener Staatsballett: Nurejew Gala 2013 am 29. Juni in der Wiener Staatsoper