blaubart peci aliceKeine Müdigkeit, keine Routine, kein Nachlassen der Energien – diese letzte Ballettvorstellung der zu Ende gehenden Saison in der Volksoper war dynamisch, sprühend und subtil, auf der Bühne ebenso wie im Orchestergraben. „Blaubarts Geheimnis“ von Stephan Thoss zog auch diesmal das Publikum in Bann. Eno Peçi, Alice Firenze und Dagmar Kronberger waren die ProtagonistInnen dieser technisch perfekten und emotional berührenden Aufführung.

Schon im ersten Teil, den Präludien zur Musik von Henryk Górecki, zeigte das Ensemble, wie gut es mit den eckigen, expressiven Bewegungen, die Thoss vorgibt, zurecht kommt. Der Choreograf legt in beiden Teilen keinen Wert auf Narration, sondern lässt die TänzerInnen mit sämtlichen Fasern ihre Körpers Gefühl sein. Sie stehen auf den Händen und umarmen einander mit den Beinen, sie knallen den Partner / die Partnerin gegen die Wand und zeichnen zärtlich die Konturen des Gesichtes nach, zwischen Mann und Frau gibt es in der oft brutalen Bewegungssprache keinen Unterschied. Doch wenn die Damen die Röcke heben und mit den Hüften wackeln, dann werfen die Männer die Köpfe zurück und straffen den Rücken. Alles ist wieder im Gleichgewicht und wir dürfen sogar schmunzeln.

Noch mehr Gefühl wird im zweiten Teil getanzt, wenn Philip Glass mit seiner Musik TänzerInnen und Publikum in einen nie enden sollenden Rauschzustand versetzt. Choreograph Thoss, hochmusikalisch, weiß wie er das Herz der Zuschauerinnen in die Hand nimmt und quetscht, bis das Blut tropft. Und dennoch wird man süchtig, nach diesem Rausch, nach diesem Gefühlsüberschwang, der unter der Oberfläche schwelt. Unter dem Dirigenten der Uraufführung des Balletts am Hessischen Staatstheater Wiesbaden, Wolfgang Ott, gibt sich auch das Volksopernorchester den hypnotischen Klängen hin, rauscht gewaltig im Forte und schmeichelt sanft im Piano. Den Klavierpart in Góreckis flottem Konzert op. 40 und im 2 Satz von Glass’ „Tirol Concerto“ meistert Sayuri Hirano mit einfühlsamer Bravour.

Heftige Gefühle bewegen auch die Spinnenfrau, Blaubarts Mutter (Dagmar Kronberger), die hinter jeder Türe lauert und ihren Sohn nicht loslassen will. Da hat es auch die unbedarfte Judith (Alice Firenze, naiv und ängstlich, klug und mutig zugleich) schwer, den Mann für sich zu erobern. Nur aus dem Augenwinkel sieht Blaubart (Eno Peçi) auf die allgegenwärtige Mama und schon ist er ihr wieder verfallen. Gegen Gespenster, alte Lieben, schwere Träume und geheime Erinnerungen muss Judith ankämpfen und sie gibt nicht auf. Atemberaubend, konzentriert und sensibel zeigen die Paare in den Präludien (Erika Kovácová, / Eno Peçi; Emilia Baranowicz / András Lukács; Maria Alati / Mihail Sosnovschi) wie auch Liudmila Trayan in ihrem Solo oder Andrey Kaydanovskiy als Blaubarts Alter Ego, dass auch eine letzte Vorstellung mit vollem Einsatz getanzt werden kann. Sowohl die Herren (auffallend Richard Szabó) als auch die Damen blieben exakt und energetisch, zeigten keinerlei Müdigkeit. Dieses Staatsballett kann sich wahrlich sehen lassen.

„Blaubarts Geheimnis“, Ballett von Stephan Thoss, 24. Juni 2013, Wiener Staatsballett in der Volksoper

Nächste Vorstellungen: 3., 7., 12., 20. November 2013.