writtennGrausiges Liebes-Mahl. Gelungenes Festwochen-Finale am Theater an der Wien: George Benjamins erste große Oper „Written on Skin“ wurde schon bei ihrer Uraufführung 2012 als Ereignis zeitgenössischer Opernkunst gefeiert, jetzt begeistert sie auch in Wien das Publikum. Poetisch dichte Momente, in denen die Gegenwart Fäden in die Vergangenheit und in die Zukunft spinnt, liefert der Text von Martin Crimp. Katie Mitchell inszeniert Traum-Wirklichkeiten neben klarem, kühlen Gegenwarts-Realismus.

Crimps Text greift eine Sage von Guillem de Cabestanh aus dem Mittelalter auf, das „Maßlose“ , scheint geeignet, Stoff für Musiktheater zu werden, da es genügend Außergewöhnliches für Gesangsstimmen bietet. Erzählt wird die Identitätsfindung einer Frau, die von ihrem „Besitzer“ und Ehemann, dem Protector, dazu gebracht wird, das Herz ihres Geliebten, des Buchmalers, zu essen. Um der Geschichte einen Rahmen zu verleihen der ins 21. Jahrhundert führt, werden von Crimp drei menschlich und heutig gezeichnete „Engel“ als Chor eingeführt. Die Engel sind inspiriert von einem Essay des Philosophen Walter Benjamin, in dem er das Bild eines Engels der Geschichte beschreibt - einer Gestalt, die mit dem Blick auf die Katastrophen der Vergangenheit vom Wind unaufhörlich in die Zukunft getrieben wird. Dieser „Chor“ beobachtet die Handlung und schickt die Figuren auf den Weg, greift da und dort in die Handlung ein.

George Benjamin komponierte seine Oper ganz auf die Stimmen seiner fünf Sänger: der Countertenor Iestyn Davis und die Sopranistin Barbara Hannigan überzeugen als Liebespaar ebenso wie der gehörnte Ehemann, gesungen von Audun Iversen und die Engel (Victoria Simmonds, Allan Clayton und Iesty Davis auch als Engel). Die von Benjamin bewusst und klar herausgearbeiteten Vokalpartien spiegeln die Intentionen der Figuren in vielen Nuancen wieder, das Orchester verdoppelt nicht, sondern ergänzt und vervollkommnet die Erzählung auf der Bühne.

An den richtigen Stellen lässt die stille Zurückhaltung des Orchesters (das Klangforum glänzt unter der Leitung von Kent Nagano) die Vokalpartien in all ihren Facetten aufleuchten, dafür treten die Momente üppiger orchestraler Entladung umso überzeugender hervor. Vor allem die Figur des Buchmachers und Liebhabers wird von Instrumenten wie Viola da Gamba oder der Glasharmonika musikalisch „vielfarbig“ und ungewöhnlich gezeichnet. Großer Applaus für ein außergewöhnliches Ensemble.

„Written on Skin“, George Benjamin, Martin Crimp, Katie Mitchell, Kent Nagano, Klangforum Wien, Wiener Festwochen, Theater an der Wien, gesehen am 16.6.2013 www.festwochen.at