faunograzNeun Stücke von derzeit aktuellen, unterschiedlichen Tanzauffassungen, kreiert von Künstlern aus ganz Europa und darüber hinaus, waren bei der Internatioationalen Tanzgala Seite an Seite mit drei der heurigen Highlights der Tanzkompagnie der Oper Graz in dichten zweieinhalb Stunden zu erleben, musikalisch begleitet vom Grazer Philharmonischen Orchester unter der Leitung von Florian Erdl und moderiert von Ballettdirektor Darrel Toulon.

Das Interesse an dieser 4.Tanzgala war wiederum groß und das Haus daher voll. Dass Toulon bei seinen internationalen Recherchen nach bemerkenswert Neuem Sehenswertes nach Graz bringt, scheint sich herumgesprochen zu haben und ist außerdem in dieser Bandbreite die einzige Gelegenheit vor Ort, sich auf höchster Qualität zu informieren. Die von ihm unterstützte, lockere Atmosphäre – bei gleichtzeitig gutem Funktionieren sämtlicher organisatorischer und technischer Notwendigkeiten, wobei besonders der Realisierung der Lichtregie Anerkennung gezollt werden muss – mag dazu das Ihre beitragen. Und so wundert es das Publikum wenig, dass es bei seiner Sitzplatz-Suche in eine Aufwärmsituation der Grazer Künstlerinnen „gerät“, die dann nahezu unbemerkt zu einem schwungvoll leichtfüßigen Vorspiel des Abends wird – aus dem sich letztlich der Chef schält und begrüßt.

„Scheherazade“, eine Choreographie Suomen Kansallisbaletti (Helsinki) wird ankündigt: Ein edler Beginn in leicht modernisierter, klassischer Tanzsprache, deren nüchtern vorgetragene, saubere Technik einen mittragenden Fluss oder mitreißende Ausdruckskraft allerdings vermissen lässt. Da bedient sich Vasco Wellenkamp in „Fauno“ nicht nur tanztechnisch einer anderen, einer zeitgenössischen Sprache, sondern weiß auch emotional – trotz tradierten Inhalts – unmittelbar zu bewegen. Und die Grazer TänzerInnen, Bostjan Ivanjsic als Faun, setzen das Konzept zusätzlich kongenial um. Herausragend aus dem insgesamt Dargebotenen: „There we have been“, choreographiert vom jungen englischen Shooting-Star James Cousins, mit emotional schlichter Intensität ergreifend vorgetragen von Lisa Welham und Aaron Vickers. Tänzerisch-akrobatisch auf außergewöhnlichem Niveau interpretiert – nicht nur, weil die Tänzerin nie den Boden berührt, sondern weil hier durch „nüchterne“ Bewegungs-Technik die Subtilität von emotionaler Bindung sichtbar gemacht wird.

In wunderbarem Kontrast dazu die ausgreifende, streng-herbe Choreographie Alla Sigalovas (Riga): „Othello“ zur Musik aus Bachs Matthäus-Passion ( Mezzosopran Dshamilija Kaiser), getanzt mit zielstrebig kraftvoller Präsenz von Leva Racene, überzeugend aber auch Serge Desroches, derzeit Grazer Ensemblemitglied: Die emotional hochsensible Schlusssequenz lässt den Atem stocken.

Klug ausgewählt vor der Pause und nach so viel Schwere die jugendlich forsche, luftig-unbekümmerte und von Jochen Ulrich immer wieder mit Ecken und Spitzen kantig choreographierte Passage aus „Romeo und Julia“, bezaubernd überschwänglich dargeboten von Anna Št?rbová und Ziga Jereb.

Mit viel Begeisterung und Szenenapplaus vom Publikum aufgenommen die Ausschnitte einer Carmen-Interpretation des Slowakischen Tanztheaters aus Bratislava: Humor und Macho-Kritik sind dabei das eine, die Integration folkloristischer Verweise das andere und hinterfragbar. Noch selten derart intensiv in Bewegung umgesetztes Auf und Ab von Phantasie und Realität einer Liebesbeziehung erlebt wie in der innerhalb zweier Jahre mit Preisen überhäuften Choreographie „Te Odiero“ von und mit Candelaria Antelo und Arthur Bernard Bazin. Eine Synthese aus schier unvorstellbarer Bewegungstechnik im Chaos, „gekittet“ mit tänzerischem Temperament und Emotion.

Challyce Brogdons „Free Bird“, präsentiert von Mitgliedern der Tanzkompanie der Oper Graz, thematisiert, wie auch im Programm nachzulesen, ja:„den Tanz an sich“, und stellt vor allem und besonders überzeugend eine „ Verbindung von Zeitgenössischem und Jazz“ dar, visualisiert die zwei Welten mitreißend und unter die Haut gehend. „Fanfare LX“ von Douglas Lee repräsentiert Ästhetik pur, ist zu Plastiken gewordene Bewegung die, trotz anfänglich viel versprechender choreographischer Verschiebungen im Nebeneinander der beiden Tänzer, allerdings nicht tiefer eindringt als ein Augenschmaus, einer in Rot. Dass der Pax de deux aus „Faust“ in einer Choreographie Enrique Gasa Valga – ein mutiges Unterfangen für ein Tanztheater und in der Verortung des Werkes in einer psychiatrischen Anstalt ein neugierig machender, aktueller Ansatz – nicht nachwirkend über die Bühne kam, mag daran liegen, hier nur einen Ausschnitt eines homogenen Gesamten gesehen zu haben.
Nicht ganz unähnlich verhielt es sich mit „Trifecta: 4“ des Francesca Harper Projects: Man wird von ganz anderem, ganz Neuem überrollt, ist fasziniert und bleibt ein wenig verloren zurück. Sicher ist, dass man sehr gerne mehr davon sähe, von dieser um zahlreiche Ecken gebogenen, darstellerisch superben performativen Auseinandersetzung mit großen Lebens-Themen, die mit cross-over Gesampelten aufbereitet sind.

Temperamentvoll, bunt und mit viel Witz den farbenfrohen Abend abrundend ist der letzte Beitrag, der von der Grazer Tanzkompanie im Rahmen der Tanz Nites Ende letzten Jahres gezeigte Choreographie Itamar Serussis „Petruschka“, eine der sehr gelungenen Work-in-a-Week Produktionen dieser Saison auf der Grazer Studiobühne.

Internationale Tanzgala am 14. Juni 2013 in der Grazer Oper