join

„Retro-Science-Fiction“ nennen die Autoren das Genre, in dem sich die Uraufführung der Oper von Franz Koglmann bei den Wiener Festwochen 2013 bewegt. Musikalisch und inhaltlich zitatgespickt bis überladen, thematisiert sie die Business-Welt und ihre Optimierungs- und Gewinnmaximierungssucht. Es überzeugt das Ensemble „die reihe“ unter der musikalischen Leitung von Carsten Paap. Das Libretto ist von Alfred Zellinger, ehemals selbst Top-Manager, die Regie von Michael Scheidl.

Join! widmet sich den Machenschaften und dem Wachstumszwang des Wirtschaftskonzerns G&B (Gen&Brain), dessen neuestes Produkt ein implantierbarer Chip ist, der es Menschen ermöglichen soll, rund um die Uhr online zu sein. Das Libretto ist eine Fortsetzung des Theaterstücks „Spiel der Konzerne“ von Alfred Zellinger, das 1990 im Ensembletheater am Petersplatz uraufgeführt wurde. Permanentes Online-Sein war damals noch kein Massenphänomen, geschweige denn, dass Internet für Otto Normalverbraucher überhaupt eine Option war. Heute scheint die Thematik beinahe „retro“, was auch durch die Kostüme verstärkt wird, die Star-Trek zitieren (Bühne und Kostüme Nora Scheidl). Die simple Botschaft: Wir haben die Zukunftsszenarien der letzten Jahrzehnte heute beinahe überschritten, sie sind bereits zu unvermeidbaren Alltagsszenarien geworden. Die Wirtschaft hat erkannt, dass man mit Kunst ein angekratztes Image aufpolieren kann, das Produkt wird kurzerhand zu einem Kunstwerk erklärt. Der Konzern wird in eine sozial und umweltpolitisch engagierte NGO umgewandelt und die „Feinde“ somit integriert.

Im musikalisch und inhaltlich inhomogenen ersten Akt wechseln Gesangspassagen mit längeren, unmotiviert anmutenden, aus Business-Schlagworten bestückten Textpassagen. Die unterschiedlichen gesanglichen Qualitäten, teils Operngesang, teils Musical-Stile, wirken irritierend. Koglmanns Musik bricht die Konventionen dessen, was man gemeinhin unter moderner Oper oder Neuer Musik versteht. Sein Ziel war eine komische Oper zu komponieren. Diese sollte aber nicht ins Musical-Genre kippen, was leider nicht aufgegangen ist. Seine Arbeit ist – vor allem im ersten Akt – etwas überladen. Ein Sammelsurium unterschiedlichster Stilrichtungen, auch populärer Musik: Jazz-Elemente, Pop, Latin, Handybrummen, Jingles und mehr fließen ein. Die Sänger und Sängerinnen rappen oder singen im Stil der Fifties Rock-´n`-Roll, sogar Lady Gaga lässt grüßen. Ausgezeichnet hält sich im Gesangensemble vor allem Katja Reichert, die sich sowohl stimmlich, als auch darstellerisch bewährt. Auch tänzerisch werden die Darsteller gefordert, die Choreografie (Florian Hurler) überzeugt nur teilweise.

Im zweiten Akt geht das Konzept - sowohl musikalisch als auch inszenatorisch – viel schlüssiger auf, das Publikum wird zum Pausen-Kaffee der besonderen Art geladen. Ein Durchgang in der Bühnemitte erlaubt Eintritt in eine schummrige Lounge auf der Hinterbühne. Dort werden die Zuschauer zu teilnehmenden Aktionären und direkt ins Geschehen einbezogen. Jazzige Klänge leiten den musikalisch homogeneren Teil ein. Jetzt beginnt es zu „menscheln“: Intrigen werden gesponnen und Karrieren und Affären angebahnt. Per „Satellitenfernsehen“ (Kamera Georg Elsnecker) kann man live und auf Bildschirmen die „Anbahnungen“ verschiedenster Zweier-Beziehungen und geheimer Absprachen beobachten.

Im dritten Akt wird die Werbekampagne mittels Musik-Videoclip präsentiert (Kamera Alex Püringer), danach folgt der „Showdown“: Rücktritt des CEO, Übernahme durch die Konkurrenz, Ankündigung einer Anklage wegen Insidergeschäften.

Was im ersten Akt sperrig, holprig und inhomogen daherkommt, findet ab dem zweiten Akt zu einem eigenen Koglmann-Stil der besser überzeugt. Zellingers Manager-Vokabular und Business-Textschnipsel werden "menschlicher". Auch die Kombination der Musikrichtungen wirkt stimmiger, die Club-Atmosphäre mit ins Bühnenbild integriertem Publikum geht auf. Trotz allem: Die intendierte Abgrenzung zum Musical verschwimmt leider.

„Join!“ Franz Koglmann, Alfred Zellinger, Carsten Paap, Michael Scheidl, 9.5.2013, www.festwochen.at, noch zu sehen am 11. und am 12.5.2013