tanzperspektivenDie vier ChoreografInnen, die Ballettchef Manuel Legris für diesen Tanzabend der Zeitgenossen ausgewählt hat, sind erfahren. Ihre Arbeiten finden sich in den Repertoires der besten Ballettcompagnien und ihr Stil ist technisch herausfordernd. Kein Problem freilich für das Wiener Staatballett, das die neo- und postklassischen Stücke von David Dawson, Helen Pickett, Jean-Christophe Maillot und Patrick de Bana großartig umzusetzen weiß.


Das Eröffnungsstück des Briten David Dawson, „A Million Kisses to My Skin“ aus dem Jahr 2000 zu Bachs Klavierkonzert Nr.1 (wunderbar gespeilt von Igor Zapravdin mit dem Orchester unter der Leitung von Markus Lehtinen), ist eines der frühen choreografischen Arbeiten des Choreografen. Es ist ein junges, dynamisches und sehr musikalisches Werk, das mit extremen Dehnungen, Streckungen, Beugungen und Verwindungen die Tänzerkörper immer wieder an die Limits führt. Das Stück mit seinen hellblauen Kostümen (Yukimo Takeshima) und in der hellen Lichtregie (Bert Dalhuyssen) wirkt cool und ist die ideale Eröffnungsnummer für den Abend. Dawson konnte bei der Einstudierung auf die besten TänzerInnen der Compagnie zählen, und doch gab es mit Natascha Mair, die für die erkrankte Nina Poliakova kurzfristig- und kurzentschlossen eingesprungen ist, eine Überraschung. Das Nachwuchstalent lieferte eine großartige Leistung und bewegte sich auf Augenhöhe mit den Stars wie Olga Esina oder Liudmila Konovalova.

In Dawsons Tanzsprache ist der Einfluss William Forsythes ebenso sichtbar wie bei der zweiten Choreografin des Abends, der Amerikanerin Helen Pickett. Beide waren schließlich Tänzer beim Ballett Frankfurt. Sinnlich und dramatisch ist die Stimmung in Helen Picketts Stück „Evertide“. Für das Wiener Staatsballett hat sie das Stück, das sie 2008 für das Boston Ballet kreiert hat, umgearbeitet und mit neuer Musik von Philip Glass und Ravi Shankar versehen. Das Stück gewinnt durch die Besetzung, bei der vor allem die Frauen ganz unterschiedliche Typen repräsentieren. Irina Tsymbal und Ketevan Papava sind jede auf ihre Weise die verkörperte Verführung, die im Dämmerlicht auf der von rosa bis rötlich getauchten Bühne in Pas de deux und Pas de trois ihre männlichen Counterparts (besonders überzeugend: Eno Peci) herausfordern. Emilia Baranowicz und Kiyoka Hashimoto interpretieren ihre Parts jugendlich-spritzig. Brav und wohl gesittet erscheinen hingegen die Damen des Corps de ballet im Morgengrauen, deren Aktionsradius (fast) durchwegs in den Grenzen des akademischen Tanzes bleibt.

Patrick de Bana, der in Wien unter anderem bereits „Marie Antoinette“ an der Volksoper kreiert hat, steuerte die einzige Uraufführung des Abends und wählte als musikalische Vorlage den 1. Satz aus Tschaikowskis berühmtestem Violinkonzert in D-Dur (solide gespielt von Rainer Küchl). Es begann sehr vielversprechend wenn Kirill Kourlaev und fünf Tänzer das Stück eröffnen, auch beim Auftritt der zwei Tänzerinnen (Alice Firenze und Ioanna Avraam) in wunderschönen Kostümen (Agnès Letestu) steigert sich die Spannung noch. Doch de Banas Versuch die Virtuosität des Soloinstruments tänzerisch zu verdoppeln oder mit expressivem Gestus zu kommentieren, ist zum Scheitern verurteilt, und das Stück gleitet hoffnungslos in eine naive Banalität ab.

Jean-Christophe Maillot, Ballettchef in Monte Carlo, ist freilich der reifste Choreograf des Abends, der in „Vers un pays sage“ seine  Tanzsprache aus klassischem und zeitgenössischem Bewegungsmaterial zu John Adams Score „Fearful Symmetries“ souverän einsetzt. Noch kämpfen  die TänzerInnen mit den technischen Schwierigkeiten, aber das wird sich in den nächsten Vorstellungen sicher noch „eintanzen“.

Wiener Staatsballett: „Tanzperspektiven“, Premiere am 21. Februar 2013 an der Wiener Staatsoper. Weitere Vorstellungen: 23. & 26. Februar, 3., 21. und 26. März 2013