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Spiel der Konstellationen. Der flämisch-marokkanische Choreograph Sidi Larbi Cherkaoui erzählt in seiner jüngsten Arbeit „Puz/zle“ im Festspielhaus St.Pölten von Mahnmalen der Geschichte: von steinernen Monumenten. Aber auch davon, wie die Reste aus untergegangenen Epochen in unsere Gegenwart wirken und wie Menschen versuchen, der drohenden Vergänglichkeit zu entkommen. Live begleitet wird die Arbeit von einem außergewöhnlichen musikalischen Team: dem sechsköpfigen Männerchor A Filetta, der libanesischen Sängerin Fadia Tomb El-Hage und dem japanischen Musiker und Sänger Kazunari Abe.

Cherkaoui liebt es, mit unterschiedlichen Materialien zu arbeiten: Holzkisten, die wie Särge aussahen, waren es bei „Sutra“, seiner im vergangenen Jahr in St. Pölten gezeigten Choreographie. Diesmal sind zwölf graue Platten und Würfel im Einsatz – allesamt Symbole für Stein. Sie werden von einem elfköpfigen TänzerInnen-Team in raffinierter Bauweise zu stets neuen Konstellationen zusammengefügt: Betonwände, Häuser, Treppen, Tempel und ein Turm, der auf den biblischen Turmbau zu Babel anspielt. Aber ebenso schnell wie die Teile zusammengefügt werden, können diese Gebilde menschlicher Schnellbauweise auch zusammenstürzen – und Menschen und Geschichten unter sich begraben.

Inspiriert wurde die Tanz-Performance vom Ort seiner Uraufführung – dem alten Steinbruch von Boulbon außerhalb von Avignon, einer Stadt, die im Sommer ganz zum Theater-Festival wird. Ein Glücksgriff der Arbeit ist das musikalische Ensemble: A Filetta, ein sechsköpfiger Männerchor und die libanesische Sängerin Fadia Tomb El-Hage, die wunderbare alte, sakrale byzantinische Lieder singt. Nicht zu vergessen: der großartige japanische Musiker und Sänger Kazunari Abe, der mit seiner Bambusflöte Shinobue bezaubert und mit seiner traditionellen japanischen Taiko (Trommel) aufrüttelt und den Rhythmus schlägt.

Reproduktion ist ein Thema, das sich durch den Abend zieht, der Zeiten und Traditionen durchmisst und aus den Trümmern der Geschichte eine neue entstehen lässt. „Puz/zle“ beginnt mit einer auf eine Steinplatte projizierten offenen Tür, die in ein historisches Gebäude mit langen Gängen, durch immer neue, unzählige Türen führt. Die TänzerInnen bewegen sich auf die offene Tür zu. Doch diese erweist sich als trügerisch: Denn das Bild verpufft, und eine Wand verschließt den Weg. Hinter einer der Platten, die zur Seite geschoben wird, öffnet sich eine Einbuchtung. Ein Mann kauert dort, der seine Steinigung erwartet und auf einer Mauerbrüstung um ihn herum stehen Männer mit Pflastersteinen in ihren Händen. Als die Einbuchtung wieder von einer Platte verschlossen wird, hört man nur mehr Schreie.

Die TänzerInnen durchmessen den Raum auf der Suche nach Strukturen. Auch sie formen Konstellationen in sozialen Systemen: Jeder und jede nimmt (s)einen Platz ein, der für die Bewegung des Gesamten von Bedeutung ist. Auch zeitlich entwickeln sie sich: Sind sie zu Beginn des Stückes in traditionelle orientalische oder asiatische Kostüme gekleidet (Miharu Toriyama),  so werden sie im Verlauf des Abends immer heutiger. Gegen Ende werden Skulpturen aus Fleisch und Blut im großen Museum „Welt“ ausgestellt. Mit Akkubohrer und Hammer und Meißel wird Hand an die TänzerInnen gelegt und ihr „Körpermaterial“ künstlerisch geformt. Bedrohlich wird es, wenn die TänzerInnen Steine in die Hand nehmen und sich zur Revolte Richtung Publikum aufmachen. Man darf aufatmen, denn die Waffen entwickeln eine unkontrollierbare Eigendynamik und richten sich gegen diejenigen, die sie tragen.

Der Abend zeigte ein außergewöhnliches tänzerisches und musikalisches Ensemble mit großen, filmischen Bildern von Aufbau und Zerstörung von Welten. Trotz einer Prise Pathos eine durchaus gelungene Arbeit!

Sidi Larbi Cherkaoui: Puz/zle, Festspielhaus St. Pölten, 19.01.2013, www.festspielhaus.at