tanznitegrazSo kreativ und heutig wie ihr Name ist auch die Veranstaltung selbst: immer neu und anders, immer unverbindlich locker-leger daherkommend und unterhaltsam; aber dann doch, fast unbemerkt, von fundiertem Informationscharakter. Dieses ein Mal im Monat von der Tanzkompanie der Oper Graz und Gästen präsentierte Format ist wie ein Kurzkommentar zu dem, was es beispielhaft zu derzeitigem Tanzgeschehen zu sagen gibt; wohlüberlegt sortiert von Ballettdirektor Darrel Toulon.

Seit es diese Veranstaltungsreihe auf der Studiobühne im Opernhaus Graz gibt, kommt Leben und Veränderung in das, was einerseits immer noch als „Ballett“ in so manchem, auch kunstinteressiertem Kopf verankert ist, und was andererseits als Phänomen unausrottbar existiert und in etwa beschreibbar ist und mit den Worten: „zeitgenössischer Tanz? Das versteh ich nicht“ seine Runden macht. (Der in anderen Formaten präsentierte zeitgenössische Tanz erreicht einerseits vor allem eine der zeitgenössischen Kunst gegenüber von vornherein offene Gruppe und andererseits diejenigen, die selbst tänzerisch aktiv und daher an Tanz-Präsentationen zeitgenössischer Art natürlich interessiert sind.)

Darrel Toulon hat vor vier Jahren mit dem Programm der „Tanz Nite“ für ein weiteres Publikum Türen aufgemacht. Vom Beginn an themenorientiert ist es bei „Tanz Nite“ die Mischung von Theoretischem, Live-Vorführungen und Dialogen, die in ihrer Präsentation auf Augenhöhe besonders viel Aufnahmebereitschaft entstehen lässt. Die physische Nähe, verursacht durch räumliche Gegebenheiten, trägt außerdem zum Abbau von Schranken bei.

Mit der heurigen, mit der vierten Saison wurde eine zusätzliche Schiene eingezogen: Drei Mal zeigen im Rahmen des „normalen“ Programms Gastchoreografen "works-in-a-week" und das ist, was es heißt: Arbeiten respektive Choreografien, die in einer Woche mit TänzerInnen des Opernhauses entstanden sind. Diese drei extra „Tanz Nites“ werden überdies ausnahmsweise an drei Abenden gezeigt; und auch dieser Versuch hat sich beim ersten „Durchgang“ bereits bewährt: grundsätzlich und weil alle drei Vorstellungen bestens besucht, ja zum Teil ausverkauft waren.

Das Thema der Veranstaltung im November (im Fokus der ersten „Tanz Nite“ der Saison im Oktober standen traditionellerweise die in der Companie neuen KünstlerInnen) war „Der Feuervogel“ – ganz im Sinne des roten Fadens in diesem Jahr, der sich am 100. Jahrestag der Uraufführung von „Le sacre du printemps“ am 29. Mai orientiert.

Hier waren kurze, sehr individuelle Feuervogel Interpretationen von Ensemblemitgliedern sowie eine mitreißende Solo-Szene aus „L’apres midi d’un faun“ zu sehen, und jeder einzelne Programmpunkt wurde von Toulon kommentiert und durch biografische sowie „kunsttheoretische“ Gespräche mit den jeweiligen TänzerInnen/Choreografinnen ergänzt.

Dass auch ein Tanz-Video als Abrundung zum Thema nicht fehlen durfte, überraschte „Tanz Nite“-Kenner weniger als das gezeigte Beispiel selbst: eine Arbeit aus Neuseeland über …? Ursprüngliche Kräfte? Eine gewisse Ratlosigkeit bestand zwar allgemein, aber wesentlich ist, dass Toulon durch konsequente Präsentation von Beispielen aus dieser eigenständigen Kunstform das Verständnis ihr gegenüber aufbaut.

Höhepunkt des Abends war einerseits die „persönliche Begegnung“ mit der in Bratislava geborenen und als neues choreografisches Talent herumgereichten Natalia Horecna. Im tanz-Jahrbuch 2012 als eine der Choreografinnen des Jahres erwählt, hatte sie sich unter anderem am renommierten Nederlands Dans Theater wesentliche künstlerische Impulse geholt. In ihrer kraftvoll-eigenständigen Interpretation von „Firebird“ war ihr Kommentar im Eingangsgespräch greifbar nachzuvollziehen: „I like the dark sides oft he humans and what they do with it.“

„Tanz Nite 3“, deren 1.Termin am 12.12.2012 stattfand, war dem Thema „Petruschka“ unterstellt; Gastchoreograf war der aus Israel stammende und derzeit als Choreograf in den Niederlanden tätige Itamar Serussi.

Stand bei Natalia Horecna die Geschichte im Vordergrund, so setzt Itamar Serussi in seiner Choreografie die Musik Strawinskys, setzt diese gewissermaßen handgreiflich- körperlich um. Und es sind markante Spuren, die sich da zwischen Solistischem und Ensembleszenen rhythmisch ins Gedächtnis hämmern, die in harmonischer Geschmeidigkeit unter die Haut gehen.

Einen „poetischen“ (O-Ton Darrel Toulon) Vorgeschmack darauf bekam man bereits bei Itamar Serussis kurzer solistischer und (mit seinem Assistenten Connor Schumacher) zu einem Duo mutierenden Darbietung zu Beginn des Abends. Eines Abends, der bislang zweifellos zu den Höhepunkt dieser Reihe allgemein zu zählen ist: In der grundsätzlichen Komplexität des behandelten Inhalts, in der Qualität der einzelnen Interpretationen (zwei bemerkenswerte Choreografien der beiden Ensemblemitglieder David Pollant und Michael Munoz), in der Dramaturgie und in einer Atmosphäre, in der das Engagement sämtlicher KünstlerInnen von einer selten zu erlebenden Authentizität und damit Überzeugungskraft war.

Tanzkompanie der Oper Graz: „TanzNite 2“ am 14. November 2012 und

„TanzNite 3“ am 12. Dezember 2012 in der Opernhaus Studiobühne, letzte Vorstellung: 15. Dezember