gracenoteKonzert für Augen und Ohren. Im Ohr sanftes Regenprasseln und vor den Augen eine wie vom Sturm verwehte Bühne, auf der Menschen, umgestürzte Notenständer, Musikinstrumente, ein Fahrrad, ein Tisch und eine Schreibmaschine wie nach einer Schlacht durcheinandergewirbelt liegen geblieben sind. So eröffnet das szenisch performative Konzert des Ensemble Phace seine Uraufführung „Grace Note“ im Rahmen des 25. Festivals für Musik der Gegenwart „Wien Modern“.

Gemeinsam mit einem internationalen Künstlerteam, bestehend aus dem mexikanischen Komponisten Arturo Fuentes, dem österreichischen Choreografen Chris Haring/Liquid Loft und dem bildenden Künstler Günter Brus wurde ein akustisches und visuelles Klangbad und ein Gesamtkunstwerk geschaffen: aus instrumentalem gepaart mit elektronischem Klang, Bewegung, Tanz, Licht und Text. Die mitwirkenden Künstler lassen einander Raum zum Agieren und zum Reagieren und bringen sich in ihren Besonderheiten ein, ohne einander gegenseitig zu beschneiden.

Nach und nach „erwachen“ die auf der Bühne hingestreckt liegenden drei TänzerInnen (Stephanie Cumming, Ian Garside, Luke Baio) und  Musiker (Saxophon: Lars Mlekusch, Cello: Roland Schueler, Kontrabass: Maximilian Ölz) zum Leben. Berndt Thurner (Percussion) gibt zuerst den Takt an, indem er ein Fahrrad zu einem Musik-Instrument umfunktioniert und "zum Klingen" bringt. Dann springt der Funke der Dynamik auf einen der Tänzer über. Er streckt seine Arme zur Seite und dehnt seinen Körper weit nach vorne, bis er mit seinem Brustkorb an das Mikrofon vor seinem Körper stößt und Technik und Körper so den Beat "anschlagen" (Klangregie: Alfred Reiter und Klangregie Ambisonics: Johannes Schütt/ICST Zürich). Einer nach dem anderen gesellt sich zu der experimentierfreudigen Runde, die von Aktionen und Reaktionen zwischen Sound- und Musikmachenden und TänzerInnen bestimmt ist.

Gegenseitige Durchdringung. Zuerst geben die TänzerInnen den Ton an: Sie streichen mit den Mikrofonen über ihre Körper, sodass ihre Bewegungen hörbar werden. Dann bewegen sie sich geräuschlos, sie geben stumme Schreie von sich, die einer der Musiker aufgreift und mit Saxophon oder Cello entsprechend „vertont“. Manchmal übernimmt einer der Musiker die Führung und gibt etwas vor, was die anderen aufnehmen und in die Sprache der Bewegung übersetzen. So werden Töne in räumliche Verhältnisse transkribiert und Körperzustände in Töne oder Musik übersetzt. Geräusche und Klänge erfahren eine Verbildlichung auf der Bühne.

Arturo Fuentes hat sich bei seiner Komposition auf die 1984 von dem italienischen Schriftsteller Italo Calvino verfassten „Sechs Vorschläge für das neue Jahrtausend“ gestützt, von denen dieser allerdings nur fünf zu Lebzeiten fertig stellen konnte. Die auf Literatur bezogenen Essays - Leichtigkeit, Schnelligkeit, Genauigkeit, Anschaulichkeit und Vielschichtigkeit - werden bei „Grace Note“ in nur lose strukturierten Episoden auf Musik und Bewegung übertragen. Wobei ein Anschwellen der Soundkulisse und die darauffolgende ebenso mächtige Stille, die einzelnen „Kapitel“ abschließen und ein neues einleiten. Den sechsten, abschließenden – nicht von Italo Calvino verfassten - Teil steuerte Günter Brus mit einem Text über Zeit bei, der das Schlusswort der Aufführung bildete. Er nennt dabei die Historie eine von uns fortgesetzte Lüge und spricht davon, dass die Zeit „bei uns eine Zeit lang Urlaub gemacht“ habe. Musik sei für ihn „zeitlos und endlich“, aber das Echo davon hör- und fühlbar.

Das Publikumsecho auf diesen Abend jedenfalls war heftiger Applaus für ein hervorragendes Ensemble.

„Grace Note“ Phace, Arturo Fuentes, Liquid Loft, Chris Haring, Günter Brus, im Rahmen von Festival Wien Modern und Tanzquartier Wien, Uraufführung am 31.10.2012 in der Halle G im Museumsquartier. Weitere Vorstellungen bis Samstag 03.11.2012 www.tqw.at